Buchblog: Am Mittwoch, 19. November 2014

Kurzkrimi »Schusternagerl« von Heidi Hohner

Für alle Landkrimi-Leser hat Heidi Hohner einen unterhaltsamen Kurzkrimi geschrieben.


Schusternagerl
Die gelb gestrichene Kabine der Kampenwandbahn, die das Zahnrad der Talstation entlang ratterte und sich mit einem Ruck vor Lucky Lämmermeier und seiner Kollegin Walburga Angerer entkoppelte, trug über dem „OUTDOOR KAISER“- Werbeaufkleber die Nummer 13. „Auch das noch“, dachte sich Lucky ausgesprochen schlecht gelaunt, denn wenn der Polizeireporter an einem Tag wie heute etwas nicht brauchen konnte, dann Pech. „Habt´s es bald oder gfällt euch die Farb ned?“ raunzte der Liftangestellte mit dem missmutig hängenden Schnauzer, und Lucky ließ mit einer zuvorkommenden Handbewegung seiner Kollegin den Vortritt. Die quetschte sich so schnell, wie es ihre Statur zuließ, durch die enge Gondeltür.
„Ich nehm die nächste! Sie brauchen einfach zuviel Platz“, rief er dann, und während sich Walburgas Lächeln in eine gekränkte Grimasse verwandelte, blieb Lucky mit wippenden Knien auf der Plattform stehen.

Während ihn die Gondel Nummer 14 allmählich über die Baumgrenze trug, haderte Lucky mit seinem Schicksal. Abseilen als Teambuilding, und das mit der Angerer! Niemals würde er mit dieser Kollegin ein Team bilden! Denn das würde bedeuten, in Walburgas Ressort „Dorfleben und Landwirtschaft“ eingegliedert zu werden. Als Polizeireporter!
Erst hatte er gedacht, der Chef der Chiemgauer Post hatte ihn sprechen wollen, um ihm endlich seine eigene Abteilung anzubieten. Aber dann hatte da schon Walburga gesessen, die Arme kampflustig über dem Kapitalbusen verschränkt, und hatte unter dem wohlwollenden Blick des Chefredakteurs gesagt: „Ich weiß schon, Lämmermeier, dass Ihnen eine Leich lieber ist als wie eine Blumenzwiebel, aber was sollen wir machen, wenn´s bei uns keine Verbrechen gibt und die Leut eh lieber was Schönes lesen? Also, herzlich willkommen in meiner Abteilung, Sie können gleich vom Ochsenrennen in Raubling und vom Semmelwettfressen in Marzling berichten!“ War es ein Wunder, dass er nach dieser Ansage einen Becher Buttermilch an der Wand hinter Walburga hatte detonieren lassen? „Soziale Kompetenz. So ein Käse“, grunzte Lucky abfällig und zog automatisch den Kopf ein, als ein orange leuchtender Paraglider mit der Aufschrift „OUTDOOR KAISER“ nur ein paar Meter über ihm Richtung Marquartstein schwebte.

„Ich bin der Hias, euer Outdoorcoach“, begrüßte ihn ein Baumstamm von einem Kerl, ebenfalls im neon-orangefarbenen „OUTDOOR-KAISER“-Shirt. Walburga, die Korkenzieherlöckchen an der Stirn schweißverklebt, wies mit der Kinnspitze auf die schroffe Felsnadel, in der die Kletterer hingen wie bunte Pünktchen.
„Da sollen wir rauf?“
„Freilich. Zweimal rauf, und zweimal runter. Erst seilen Sie den Herrn Lämmermeier ab, dann der Herr Lämmermeier Sie“, informierte sie der Hias und warf die zwei Klettergurte mit Schwung in die Almwiese.
„Dieser Spargel soll mich abseilen?“
Lucky hielt beleidigt inne, um sich eine der blauen Blumen ins Knopfloch zu stecken, die hier wuchsen wie die Gänseblümchen. Dann machte er sich etwas ungelenk ans Einsteigen in seinen Gurt. Und Walburga, deren gesunde Gesichtsfarbe um einen Schlag eine Nuance fahler geworden war, ging ein paar Schritte abseits, um einer braun-weiß gefleckten Kuh die Löckchen zwischen den Hörnern zu kraulen.
„Kein Wunder, dass die sich verstehen, die haben schließlich die gleiche Frisur“, dachte Lucky gehässig, unangenehm daran erinnert, dass seine Konkurrentin noch nicht mal Journalismus, sondern Tiermedizin studiert hatte.
„Psst, Lämmermeier, warum ziehen Sie sich diesen Klettergurt an?“, riss ihn Walburga aus seinen Gedanken und winkte ihn zu sich her. „Haben Sie etwa Lust, auf diesen Brocken zu kraxeln?“
„Ich bin nur hier, weil der Chef mich erpresst hat! Arbeiten für die Angerer oder ALG Eins, hat er gesagt! Für mich ist diese Abseilerei der größte Unfug!“ schnaubte Lucky und wich der Kuh aus, als sie mit ihrer großen rosa Zunge nach ihm leckte.
„Da sind wir ja ausnahmsweise mal einer Meinung. Wir treffen uns da unten, und Sie bestellen mir schon mal ein Weißbier.“ Walburga wies auf das Dach einer Alm, die in der Senke neben der Bergstation lag. „Ich red mit dem Hias.“
 
„Sodala. Ich krieg fünfzig Euro von Ihnen, Lämmermeier.“ Zehn Minuten später setzte sich Walburga zu Lucky an den verwitterten Holztisch. „Ich habe dem Hias einen Hunderter gegeben, und der hat sich Ihren Klettergurt geschnappt und gesagt, mei, dann geht er halt allein klettern, wenn er schon das ganze Equipment da hat. Und danach bringt er uns die zwei Zertifikate über die Teilnahme am Teambuilding.“
Mit einem Schluck sog sie die erste Hälfte ihres Weißbiers weg.
„Gute Lösung, Frau Angerer“, gab Lucky zu und schubste die aufdringliche Kuh, die ihm bis zum Tisch gefolgt war, von seiner Buttermilch weg. „Aber was will eigentlich dieses Vieh von mir?“
“Wahrscheinlich denkt sie, Ihr gelbes Hemd ist eine Butterblume. Ein schönes Tier übrigens“, gratulierte Walburga dem Senner, der ihr ein gewaltiges Speckbrettl hinstellte.
„Jaa“, bestätigte der Senner, und gab der Kuh einen liebevollen Klaps. „Die Elli, die ist unser Schmuckstück. Ganz offiziell gekrönt zur schönsten Bergkuh der Bayerischen Alpen. Obwohl in Garmisch einer seine Küh nur darauf hin züchtet! Wer hätt’ das denkt, damals, als ich sie gerettet hab. Der Nachbar wollt sie schlachten lassen, und jetzt kommen die Leut aus der ganzen Gegend wegen unserer Prinzessin.“
„Das wär’ ja echt eine Schande gewesen!“ regte sich Walburga auf, und der Senner nickte und kratzte sich unter dem Filzhut. „Schon, aber dem Krasser Günther ist das Wasser bis zum Hals gestanden mit seinem Outdoorschmarrn, dann konnt er seine Alm nimmer halten.“
„Meinen Sie mit ´Outdoorschmarrn´ die Firma Kaiser, die hier überall präsent ist?“ erkundigte sich Lucky neugierig.
„Na, der Kaiser hat dem Günther dann ganz das Genick gebrochen, finanziell. Der Günther hat das Paragliding an ihn verkaufen müssen vor zwei Jahren und jetzt steht er ohne was da. Koa Alm mehr, und koa Outdoor mehr. Arbeitet jetzt bei der Bergbahn, als Liftmanschgerl.“
Ein lautes Knattern unterbrach ihn, und Lucky legte den Kopf in den Nacken, um den roten Hubschrauber zu beobachten, der in einer engen Kurve um die zackigen Gipfel flog.
„Ein Unfall!“ erschrak Walburga.
„Vielleicht ein Verbrechen“, hoffte Lucky, und stieg auf die Sitzbank. Viel konnte er nicht erkennen, nur dass die aufgeregten Menschen zum Fuß der Felsnadel liefen, und dass dort etwas orange-farbenes lag. Neon-Orange.

„Wie kann man nur so negativ sein und immer vom Bösen ausgehen! Sie wollen nur beweisen, dass wir einen Polizeireporter brauchen. Der Hias ist beim Klettern abgestürzt, sonst nichts!“ schimpfte Walburga, während sie ihren VW Bus Richtung Redaktion lenkte.
„Der ist nicht abgestürzt, den hat jemand abstürzen lassen“ meinte Lucky euphorisch, weil er sich in der Tat einem eigenen Ressort ein Stück näher fühlte. „Was wetten wir? Wer verliert, muss dem Chef beichten, dass der Hias ohne uns Klettern war! Schließlich haben wir jetzt keine Zertifikate – und wer weiß, ob der arme Kerl jemals wieder laufen kann.“
„Einverstanden!“ schlug Walburga ein, und Lucky zog siegessicher die blaue Blume aus dem Knopfloch seines Polohemds und steckte sie sich lässig in den Mundwinkel.
„Bäh“, meinte er angewidert und kurbelte das Fenster herunter, um auszuspucken. „Die stinkt!“
„Klar stinkt die“, meinte Walburga säuerlich, „so ein Schusternagerl ist eine geschützte Enzianart, die man nicht pflücken darf. Aber davon haben Sie natürlich wieder mal keine Ahnung.“
„Nein“, widersprach Lucky so alarmiert, dass er sich noch nicht einmal über Walburgas Seitenhieb ärgerte. „Riechen Sie selbst!“
„Öl“, bestätigte Walburga verwundert, „frisches Motorenöl. Wie kommt das denn an die Blume? Moment – wann haben Sie die denn gepflückt? Vielleicht war das Öl nicht am Schusternagerl, sondern am Klettergurt, und hat davon abgefärbt?“
„Ganz klar“, sagte Lucky, wider Willen beeindruckt von Walburgas detektivischen Fähigkeiten. „So war’s. Motoröl am Klettergurt, der Knoten löst sich und der Hias stürzt in die Tiefe. Da wollte sicher jemand „OUTDOOR-KAISER“ in die Pfanne hauen. Hat nicht der Senner erzählt, dass die Firma seinem Nachbarn die Existenz geraubt hat? Bloß gut, dass Ihnen eingefallen ist, wie wir um die Abseilerei herumkommen.“
„Ich bin auch froh“, sagte seine Kollegin leise, und lenkte den VW-Bus in den Hinterhof der Chiemgauer Post. „Ich bin übrigens die Walli.“

„Mordanschlag auf der Kampenwand – das ist doch mal eine Schlagzeile ganz nach deinem Geschmack, oder?“
Lucky nickte Walli zu, tippte als letzten Satz „ein Mitarbeiter der Bergbahn wurde als Hauptverdächtiger in Polizeigewahrsam genommen“ und fügte mit einem Mausklick noch das Foto des Schnauzbartträgers Günther Krasser in den Artikel ein. „Ich schick den Artikel gerade raus. Nur blöd, dass die Polizei das ölige Schusternagerl nicht als Indiz haben wollte. Jetzt hab ich es tatsächlich ganz umsonst abgerissen.“
Walli nahm den Enzian hoch, der auf Luckys Schreibtisch vor sich hinwelkte, und schnupperte daran. „Gut, dass die Elli es nicht zwischen die Zähne bekommen hat. Deswegen ist sie dir wahrscheinlich so nachgelaufen. Kühe sind nämlich total verrückt nach Schmieröl, Motoröl, Ölfilter, und so weiter. Aber wenn sie auch nur ein bisschen davon abbekommen, dann sterben sie an Bleivergiftung.“
„Ist nicht wahr.“ Lucky starrte seine veterinärmedizinisch gebildete Kollegin ins runde Gesicht und nahm den Mauszeiger abrupt vom „senden“-Knopf. „Sag mal, Walli, wer hat eigentlich die zweitschönste Kuh im Land? Ruf sofort den Senner von der Kampenwand an, er soll die Elli im Stall behalten, sie ist in Gefahr!“

Diesmal saßen Walli und Lucky zusammen in einer Gondel, und Lucky kratzte sich nervös an einem Mückenstich in der Kniekehle. Er hatte in der Aufregung ganz vergessen, dass er sich normalerweise niemals in kurzen Hosen in der Redaktion blicken ließ. Denn ein Blick auf seine streichholzdünnen Waden, an denen laut seiner Mutter die norddeutschen Gene seines nichtsnutzigen Vaters schuld waren, erklärte sofort, dass er nur auf die Journalistenschule gegangen war, weil sie ihn auf der Polizeischule wegen unzureichender körperlicher Eignung nicht genommen hatten. „Tatsächlich! Das Motorenöl ist hier direkt auf die Weide gekippt worden. Und von hier ist das Öl auf den Gurt gekommen, als der Hias das Equipment aufs Gras geworfen hat,“ schrie er fünf Minuten später, kniete nieder und fuhr mit der Hand über eine schmierig schillernde Ansammlung blauer Blütenkelche.
„Gut, dass die Garmischer Polizei beim Bauern gleich die leeren Ölkanister im Kofferraum gefunden hat. Kaum zu glauben, wozu Menschen in der Lage sind, wenn ihren Kühen der Titel der Schönheitskönigin entzogen wird!“ sinnierte Walli ein paar Stunden später und streckte die strammen Beine aus, während Lucky mit dem Strohhalm das zweite Glas Buttermilch leer schlürfte. Aufs Haus. Der Senner der Kampenwandalm hatte sich nicht lumpen lassen, als sich herausgestellt hatte, dass der Öl-Anschlag nicht den Kletterern, sondern seiner Lieblingskuh gegolten hatte.
„Sag mal, Walli“, fragte Lucky dann, und bearbeitete wieder seinen Mückenstich, „sollen wir wirklich hier übernachten, wie der Senner uns das angeboten hat?“
„Ja mei“, meinte die Walli vergnügt, „vielleicht zwecks Teambuilding, oder?“
„Jawoll“ nickte Lucky, kraulte Elli zwischen ihren Hörnern, und fragte sich, ob sich die Löckchen in Wallis Nacken genauso seidig anfühlten. „Zwecks Teambuilding. Eine super Idee."

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