S. Jae-Jones über die Entstehung von »Wintersong«




S. Jae-Jones legt mit »Wintersong« ihr Debüt vor, dass in den USA auf Platz 3 in die New-York-Times-­Bestsellerliste einstieg.

Die Autorin erzählt uns die Entstehungsgeschichte zu ihrem Roman und erklärt ihre Faszination für die deutsche Sprache und den Mythos um den Erlkönig.

 

Jedes Buch hat einen Anfang. Dies ist der von »Wintersong«.


Stell dir vor, jemand sagt diesen Satz mit der Stimme eines Filmtrailer-Typen.
Um ehrlich zu sein ist die Entstehungsgeschichte von »Wintersong« weder schicksalsträchtig, bedeutungsvoll, schön oder bewegend. Ich bin keine Stephenie Meyer; ich kann nicht behaupten, dass mir eine Idee oder eine Szene vollständig ausgereift im Traum erschienen ist. Ich bin keine J. K. Rowling mit einer Aschenputtel-Geschichte von einer Frau, die sprichwörtlich vom Tellerwäscher zum Millionär wurde, nachdem sie die Anfänge von »Harry Potter« auf Taschentücher kritzelte. Meine Geschichte sieht so aus:
Im November 2013 entschied ich mich dazu, für den NaNoWriMo »50 Shades of Labyrinth« zu schreiben. Der Rest ist Geschichte.

Vielleicht sollte ich es noch mal versuchen. Vielleicht sollte ich tiefer graben, die Lichtquellen der Inspiration festhalten und eine Szenerie entwerfen, die aus einem Buch stammen könnte.
Ich sah ein Mädchen unter der Erde. Ich hörte eine Stimme, eine Violine. Und ich spürte eine Präsenz, den Herrn des Unheils. Der Rest ist Geschichte.
Diese Version meiner Entstehungsgeschichte ist gleichzeitig wahr und unwahr. Sie ist eher poetisch als prosaisch, sie ordnet die Grammatik meiner Gedanken neu und macht sie zu etwas Lyrischerem, als es die Momente tatsächlich waren.

Wo beginnt eine Geschichte? Wenn ich mich zum Schreiben an meinen Tisch setze, weiß ich immer, wo die Geschichte beginnt. Ich kenne den exakten Moment der Veränderung, an dem die Erzählung einsetzt, ich kenne die ersten Zeilen. Es ist der einzige Teil des Schreibens, bei dem ich mir immer sicher bin, der Teil, der sich nie verändert. (Ironischerweise wurde der Anfang von »Wintersong« verändert. Oder genauer gesagt wurde etwas hinzugefügt. Meine Lektorin bat mich, einen Prolog einzubauen.) Und trotzdem weiß ich nicht weiter, wenn ich versuche, den »Ausschlaggebenden Moment für das Schreiben von ›Wintersong‹« zu finden.
Oder vielleicht auch doch.

Es ist Oktober 2013. Ich habe mich mit einer Nacherzählung von »Die Zauberflöte« abgemüht. Es ist meine Lieblingsoper von Mozart und ich wollte sie schon immer auf meine eigene Art erzählen. Ich habe 60.000 Wörter, doch sie sind alle leblos. Die Figuren bewegen sich nach einem routinierten Muster, das Setting ist vage und undeutlich. Die Geschichte atmet nicht, bewegt sich nicht und singt nicht. Sie ist leblos, und ich weiß es, und meine Freunde und Testleser wissen es, obwohl sie es nicht geradeheraus sagen.
Ich gehe einer Brotarbeit nach, die meine Seele auszulaugen scheint, und mein einziger Trost dort ist, dass ich Zeit zum Schreiben habe. Ich arbeite fleißig an meiner »Zauberflöte«-Nacherzählung, aber mein Interesse schwindet. Das einzige, was mich zum Weitermachen animiert, sind meine Autorenfreunde und dieser verlockende kleine Keim einer Idee, der mich nicht mehr loslässt.
Ich schicke meiner Freundin eine E-Mail mit einer Zusammenfassung.
Und sie antwortet.
Sie sagt mir, was ich hören muss, und gibt mir die Erlaubnis zum Fortfahren.
Und der Rest ist Geschichte.


Ein packendes Debüt um eine dunkle Sagengestalt in den Wäldern Bayerns

 

Die 18-jährige Liesl hat früh gelernt, die Nacht zu fürchten, in der das alte Jahr stirbt. Sie ist mit der Sage um den faszinierenden wie schrecklichen Erlkönig aufgewachsen, der in jener Nacht auszieht, um ein Mädchen zu stehlen und es zu seiner Braut zu machen. Als ein unheimlicher, gut aussehender Fremder auftaucht und Liesls Schwester entführt, wird Liesls schlimmste Befürchtung wahr. Ihr bleibt keine andere Wahl, als dem Erlkönig in sein dunkles Reich zu folgen, denn nur sie kann ihre Schwester noch retten ...

>>Jetzt in »Wintersong« reinlesen

Aber vielleicht ist das nicht der Punkt, an dem die Geschichte beginnt. Vielleicht beginnt sie an dem Punkt, an dem das erste Bild in meinem Kopf erscheint, bevor die Idee einer »Die Reise ins Labyrinth«-Nacherzählung überhaupt eine Möglichkeit ist. Vielleicht beginnt sie an einem Wintertag in New York City auf einem verschneiten Weg zur U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit.
Ich erinnere mich daran, als mir das erste Bild in den Sinn kam: Ich nahm eine Abkürzung durch einen Park auf dem Weg zur Astoria Blvd-Haltestelle der N-Linie.
Ein Mädchen, unter der Erde.
Plötzlich kannte ich sie. Kannte sie bis auf die Knochen. Sie hatte eine Schwester, eine hübsche Schwester. (Ich habe eine Vorliebe für Erzählungen über Schwestern, vielleicht weil ich selbst keine habe. Eins meiner Lieblingsmärchen ist »Schneeweißchen und Rosenrot«.) Sie hatte eine Familie, die einen Gasthof betrieb. Sie hatten Mühe, über die Runden zu kommen. Ich denke an Hänsel, an Gretel, an die Gebrüder Grimm, und ich weiß, dass sie in Deutschland lebt. Ich sehe ihren Milchmädchenzopf, ihre Wangen sind mit Dreck beschmiert. Wie heißt sie?, frage ich mich.
Liesl. (Ja, sie ist nach der ältesten der Trapp-Töchter aus »The Sound of Music« benannt.)

Aber vielleicht ist auch das nicht der Anfang. Immerhin ist ein Bild keine Geschichte. Vielleicht geht der Anfang noch weiter zurück.
Es ist Sommer in New York und ich besuche einen Autorenfreund in Washington Heights. Wir sind in einer Testlesergruppe, in der wir unsere Werke teilen. Im Moment arbeite ich an einem literarischen Roman für Erwachsene, der in Japan in einer alternativen Meiji-Zeit spielt. Es ist die Vorgeschichte eines Schurken aus einem Kinderbuch, das ich schon seit Jahren nicht richtig hinbekomme.
Ich habe eine Faszination für alles Deutsche: die Sprache, die Symbolik, die Mythen. Mein Autorenfreund hat deutsche Wurzeln. Ich weiß nicht, wer von uns es zuerst erwähnt, aber wir sprechen über den Erlkönig und unseren Wunsch, etwas mit der Sage zu machen.
Aber ich tue es nicht, zumindest nicht sofort. Ich beende den literarischen Roman für Erwachsene und lege ihn weg.

© S. Jae-Jones

Das Schreiben ist so ein seltsamer Prozess. Man sammelt Samen und pflanzt sie in den Garten seines Unterbewusstseins, aber man weiß nicht immer, ob sie wachsen werden. Ich habe seit Jahren Samen eingepflanzt, die ich von Blumenbeeten der Besessenheit und der Fantasie zusammengerafft habe. Ich liebe die Symbolik des Gothic. Ich liebe Märchen. Ich liebe die Gedichte von Christina Rossetti. Ich bin besessen von Mozart. Besessen. Ich lese »50 Shades of Grey«. Ich lese zum wiederholten Male Jacqueline Careys »Kushiel«. Ich mag die Idee erotischer Bücher, aber finde nicht immer, dass sie nach meinem Geschmack umgesetzt werden. Ich denke, dass ich vielleicht eins schreiben werde. Ich will eins schreiben.
Aber bevor sich die ersten Ranken einer Idee hervortun, ist alles, was ich habe, ein schlafender Garten, der auf die richtige Kombination von Regen und Sonne wartet, um wachsen zu können.
Mein Garten beginnt zum ersten Mal zu sprießen, als mein Autorenfreund und ich über Fantasyfilme aus den 80er-Jahren diskutieren.

In den Fantasyfilmen (und -musicals!) der 80er-Jahre, die ich aus meiner Jugend kenne, gibt es viele unterschwellige sexuelle Botschaften – dunkle, verführerische, etwas unbehagliche sexuelle Botschaften. Die Tanzkleid-Szene in »Legende«. Die Ballsaal-Szene in »Die Reise ins Labyrinth«. »Die Musik der Nacht«-Szene in »Das Phantom der Oper«. Unterschwellige Botschaften, wie sie oft in Märchen gefunden werden: Die Kraft sexueller Handlungen, die Kraft des Erwachsenwerdens und des Wegs, zu einem sexuellen Wesen zu werden. Naive und unschuldige Mädchen schweben am Rande dieser Entdeckung und oft gibt es eine dunkle Figur, die sie lockt und ihnen Erkenntnisse verspricht.
Ich weiß, woher dieser erste Spross kommt: Von Jareth dem Koboldkönig und dem Erlkönig. Rückblickend erscheint es so offensichtlich.

Ich kann »Die Zauberflöte« immer noch nicht gehen lassen. Ich liebe Musik, ich liebe Mozart und ich liebe Magie. Ich arbeite viel länger daran als ich sollte, da ich nicht in der Lage bin, das Gefühl aufzugeben, das Mozarts Musik mir gibt.
Ich mache Liesl zu einer Komponistin.
Ich höre mir die Werke von Schubert, Schumann und anderen an. Seit ich ein Kind war, habe ich mich mit Musik und Musikgeschichte beschäftigt. Ich weiß, dass Liesls Werk – emotional und voller Gefühl – sie mit den Romantikern in eine Reihe stellt. Und trotzdem kann ich Mozart nicht gehen lassen.
Da verstehe ich, dass Liesl nicht nur eine weibliche Komponistin ist, sondern eine Komponistin, die ihrer Zeit voraus ist.
Ich töte Mozart. Aber sein Werk wirft einen sehr langen Schatten.

Im November 2013 entschied ich mich dazu, für den NaNoWriMo »50 Shades of Labyrinth« zu schreiben. Der Rest ist Geschichte.


(Der Originaltext erschien auf: http://sjaejones.com)


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