Buchblog: Am Donnerstag, 06. November 2014 von Judith Lennox

Judith Lennox über die Inspirationen zu ihrem Roman »Ein letzter Tanz«

Im vorliegenden Roman »Ein letzter Tanz« wollte ich zeigen, wie übermächtig die Liebe zu einem Haus werden kann. Ich wollte zeigen, was passiert, wenn man seine Liebe auf ein Haus projiziert, weil die Kriegserfahrung einen zu ängstlich gemacht hat, um einen Menschen zu lieben.

Ende August 2011 hatten wir eine Reise durch Neuengland mit dem Auto geplant. Wenige Tage, bevor wir fliegen wollten, traf Hurrikan Irene auf die Ostküste der Vereinigten Staaten. Während unserer Abwesenheit sollten bei uns daheim Holzböden verlegt werden, das bedeutete, dass wir eine Woche lang das Erdgeschoss unseres Hauses nicht würden betreten können. Wir mussten uns also ein anderes Reiseziel suchen, und zwar schleunigst. Den Westen von England habe ich stets geliebt, und aus meiner Kindheit habe ich wunderschöne Erinnerungen an Dartmouth an der Südküste der Grafschaft Devon. Als ich ein Hotel in der Stadt auftat, das für eine Woche ein Zimmer frei hatte, griff ich zu.

So lernte ich Coleton Fishacre kennen. Um von Dartmouth aus dorthin zu gelangen, setzt man mit der Fähre über den Dart nach Kingswear über und fährt dann auf immer schmaler werdenden Landstraßen Richtung Küste. Coleton Fishacre war einst der Landsitz von Dorothy und Rupert D’Oyly Carte, dem Eigentümer der D’Oyly Carte Opera Company und des Hotel Savoy; heute befindet es sich im Besitz­ des Natio­nal Trust.

Mit seinen ruhigen, unprätentiösen und minimalistisch gestalteten Räumen ist es der perfekte Wohnsitz im Stil der 1920er-Jahre. Das Haus ist von mehreren Hektar traumhaften Gärten umgeben. Ein waldreiches Tal führt zu einem hoch gelegenen Kliff mit Blick auf den Sandstrand und das türkisblaue Wasser. Das Anwesen ist großzügig, aber nicht übertrieben groß. Man könnte sich gut vorstellen, selbst dort zu leben und dabei sehr glücklich zu sein. Doch auch wenn das Haus heiter und sorglos erscheint, das Leben der D’Oyly Cartes war es nicht. Sie erlebten zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise und erlitten einen großen persönlichen Verlust, als ihr Sohn im Alter von einundzwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall starb; neun Jahre später ließen sich ­Rupert und Dorothy scheiden.

Das Bild dieses wunderbaren Hauses am Wasser begleitete mich, als ich mir die Ideen für mein nächstes Buch überlegte. Tragik und Verlust vor dem Hintergrund einer idyllischen Landschaft wurden zum Ausgangspunkt für »Ein letzter Tanz«. Da das Buch 2014, hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, erscheinen würde, entschied ich mich, die Eingangskapitel diesem Konflikt zu widmen, der die alte Welt, wie sie gewesen war, für immer von der neuen scheiden sollte.

»Ein letzter Tanz« ist kein Buch über den Ersten Weltkrieg – es spielt größtenteils nach Kriegsende –, aber die zentrale Figur darin, Devlin Reddaway, der im Schützengraben kämpft, wird nie ganz frei davon sein. Der Krieg bleibt das bestimmende Element seines Lebens, er prägt seinen Charakter und seine Persönlichkeit und lässt ihn niemals los. Obwohl er seinen Familiensitz, Rosindell, wiederaufbaut, voll Schönheit und Licht, umgeben ihn doch stets die finsteren Geister des Krieges.

Ich wollte, dass Rosindell, das Haus der Reddaways, das von Coleton Fishacre inspiriert ist, im Roman fast die Rolle einer handelnden Figur spielt. Rosindell macht Devlin nach dem Grauen der Schützengräben wieder gesund, aber er ist auch davon besessen. Seine Frau Esme, die ihn liebt, hat das Gefühl, dass sie mit dem Haus um Devlins Zuneigung konkurriert. Und Rosindell kann manchmal scheinbar seinen eige­nen Willen haben, kann Ereignisse beeinflussen oder das zukünftige Leben derer, die darin wohnen, entscheidend ­prägen.

In den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg wurden viele große englische Adelssitze zerstört. Die einen brannten nieder, andere wurden vernachlässigt und dem Verfall überlassen, weil ihre Eigentümer sich ihren Unterhalt nicht mehr leisten konnten. Manche Häuser wurden auch absichtlich abgerissen. Arbeitskräfte verließen die ländlichen Gebiete und traten zu besseren Bedingungen und mit besserer Bezahlung in Geschäften, Fabriken und Büros an; es gab keine Dienstboten mehr, die die Häuser putzten, schrubbten und in Stand hielten. Oder sie galten als altmodische Überbleibsel einer Vergangenheit, mit der man längst abgeschlossen hatte.

Bildnachweise:


1: Dartmouth an der Mündung des Dart River
Foto: Manfred Heyde
Lizenz: CC BY-SA 3.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.

2: Dartmouth town
Foto: Arpingstone
Lizenz: CC BY-SA 3.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.

3: Coleton Fishacre
Foto: Waterborough
Lizenz: : CC BY-SA 3.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.

4. Dartmouth Lower Ferry crossing towards Dartmouth
Foto: Chris j wood
Lizenz: CC BY-SA 3.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.

5: Kingswear vom Dart River
Foto: Herbythyme
Lizenz: CC BY-SA 3.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.

6: Rupert D'Oyly Carte 1910
Urheber: unknown
Lizenz: Gemeinfrei

7: Dorothy D'Oyly Carte 1910
Urheber: Alexander Bassano
Lizenz: Gemeinfrei

8: Savoy Hotel, London
Urheber: ChrisO
Lizenz: CC BY-SA 3.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.



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