Ein Liebesreigen aus dem London der 1960er


Ein Buchtipp von Anna Riedel, Volontärin im Lektorat Literatur

»Sich zu entlieben heißt vor allem, dass man vergessen muss, wie bezaubernd jemand ist.«

 

Martin Lynch-Gibbon ist Engländer der Upper Class mit allem, was dazugehört. Familienwohnsitz, Familienunternehmen, wunderschöne Ehefrau, reizende Geliebte. Doch seine perfekte Welt gerät aus den Fugen: Bei einem starken Martini eröffnet ihm seine Ehefrau Antonia, dass sie ihn für ihren Psychiater verlässt. Noch ist nicht alles verloren, denn zumindest Martins Geliebte Georgie ist ihm weiterhin treu. Und dann tritt eine dritte Frau in sein Leben: Honor Klein – eine Naturgewalt, unumgänglich, unbeschreiblich, unwiderstehlich.

Warmherzig, intelligent und wunderbar böse (wie Jane Austen!) dekonstruiert Booker-Preisträgerin
Iris Murdoch
 Liebe, Ehe und das Wesen des Menschen. Wir folgen Martin in modrige Weinkeller und halb erleuchtete Schlafzimmer, und wir jagen durch den dichten, wabernden Nebel Londons, immer auf der Suche, die wichtigste aller Fragen zu beantworten: Wie wollen wir eigentlich lieben? 

Für Martin ist die Antwort ganz klar: Egal, wie – aber so viel wie möglich. Die Ehe mit Antonia will er nicht lösen, auch wenn sie mit einem anderen Mann zusammen ist. Georgie soll stets bei ihm bleiben, obwohl es Martin zu anstrengend ist, sich um sie zu bemühen. Und auch Honor will er besitzen, ohne dass er sie wirklich kennen gelernt hätte. »Ich bin für Sie ein Objekt schauriger Faszination geworden«, sagt Honor einmal zu Martin.

 

»Ich bin ein abgetrennter Kopf. Als reale Menschen existieren wir nicht füreinander.«

 

 


Anna Riedel, Volontärin im Lektorat Literatur

Dass man nicht immer alles bekommen kann, was man möchte, ist natürlich klar. 

Ich war begeistert, schockiert, amüsiert und peinlich berührt  von diesem herrlichen Verwirrspiel über das Ver- und Entlieben. Nicht nur Martins Selbstüberschätzung, Arroganz und Besitzgier sorgen für ein Wechselbad der Gefühle. (Dieser Idiot! Er tut mir so leid!) Auch die anderen Figuren sind so ärgerlich wie liebenswert, und dazu kommt Iris Murdochs Sprache. Hier muss man zwar an einigen wenigen Stellen auf der Hut sein, den Abstand zum Text nicht zu verlieren – denn wie es bei den meisten Klassikern der Fall ist, finden wir auch hier (der Roman erschien erstmals 1961) unangenehme Ressentiments und Bilder, die von unzeitgemäßen Vorurteilen gefärbt sind. Doch gleichzeitig gibt es auf jeder Seite dieses Romans etwas Wunderbares zu entdecken – ob das ein Aphorismen über die Gefräßigkeit von Liebe ist, ein großartiger Wortwechsel (»›Und du, Martin, wie fühlst du dich?‹ – ›Ich fühle mich gar nicht mehr‹, sagte ich. ›Aber sonst geht es mir gut.‹«), oder mein Lieblingssatz: »Sich zu entlieben heißt vor allem, dass man vergessen muss, wie bezaubernd jemand ist.«

 

»Ein abgetrennter Kopf« ist ein Liebesreigen, der eine ganze Reihe von angeknacksten Großstadtbewohnern vor schrecklich zeitgemäße Probleme stellt: Wie geht man denn zum Beispiel mit lebenslanger Monogamie um? Wie verliebt man sich rücksichtsvoll? Und wie funktioniert Miteinander heutzutage überhaupt? Allen, die wie ich eine Schwäche für Klassiker im Allgemeinen und englische Klassiker im Besonderen haben, kann ich diese feinsinnige Neuübersetzung von Maria Hummitzsch nur ans Herz legen.


Ein abgetrennter Kopf

 

Die Wiederentdeckung der englischen Man Booker-Preisträgerin Iris Murdoch

 

Alles beginnt mit einem starken Drink: Martin kommt gerade von seiner Geliebten nach Hause, als ihm seine Ehefrau Antonia bei einem Martini verkündet, dass sie ihn für ihren Psychiater verlassen wird. Martin möchte die Angelegenheit großmütig und sensibel regeln. Doch dann tritt eine dritte Frau in sein Leben – und so beginnt ein Liebesreigen, der seinesgleichen sucht.

Iris Murdoch erzählt eine so vergnügliche wie hypnotisierende Geschichte über die Metaphysik der Liebe und zeigt, warum sie zu den besten Schriftstellerinnen englischer Sprache gehört.


Iris Murdoch
© Miriam Berkley

 

 

 

 

Iris Murdoch, 1919 in Dublin geboren und 1999 in Oxford gestorben, ist eine der profiliertesten britischen Schriftstellerinnen und Philosophinnen des 20. Jahrhunderts und eine frühe Pionierin der Gender Studies. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem 1978 den Man Booker Prize. »Ein abgetrennter Kopf« erschien erstmals 1963 bei Piper unter dem Titel »Maskenspiel«.


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