»New York Pretty: Nur wir beide«


Autorin Eva Pfeiffer über die Entstehung ihres Romans

Zwischen New York und mir


Zur Recherche für ihren zweiten Roman »New York Pretty: Nur wir beide« reiste Eva Pfeiffer mehrmals in den Big Apple.
Hier beschreibt die Autorin, warum New York eine so inspirierende Stadt ist.

 

Ich ziehe die Handschuhe aus, um die Manhattan-Skyline zu fotografieren – und ich weiß, ich werde dafür bezahlen. In ein paar Minuten, wenn die Finger zuerst taub werden und dann beginnen, schmerzhaft zu kribbeln, weil sie einige Sekunden ungeschützt der Kälte ausgesetzt waren. Minus 16 Grad Celsius, abwechselnd mit 3,2 Grad Fahrenheit, zeigt das Thermometer an einem Hochhaus im Brooklyner Viertel Dumbo am East River. Der eisige Wind, der mir auf der Brooklyn Bridge entgegenweht, treibt mir Tränen in die Augen. Und trotzdem: Ich will an keinem anderen Ort der Welt sein. Es ist meine erste New-York-Reise in jenem frostigen Februar. Und spätestens in diesem Moment wird mir klar: Da passiert etwas zwischen New York und mir.

Bewegung überall

Zwischen den Häuserschluchten Manhattans lässt es sich wunderbar flanieren.
© Eva Pfeiffer

Fast jeder Reiseführer warnt Touristen davor, im New Yorker Fließbandverkehr auf dem Gehweg abrupt stehen zu bleiben und so den Unmut der anderen Passanten auf sich zu ziehen. In Bezirken wie Midtown Manhattan tragen einige Frauen auf dem Weg ins Büro die High Heels in der Tasche und bequeme Schuhe an den Füßen, um schneller voranzukommen. Von dieser Energie kann man sich wunderbar mitreißen lassen und am Ende des Tages feststellen, dass man etliche Kilometer zurückgelegt hat.

Bei meinen Besuchen in der Metropole reihe ich mich bereitwillig in den Menschenstrom ein, denn auch in mir bewegt sich dann etwas. All die Eindrücke, die ich unterwegs sammle, wirbeln in meinem Kopf durcheinander und vermischen sich mit meiner Fantasie zu neuen Ideen für meinen Roman. Wenn ich zwischendurch einmal stoppe, in der Subway, auf einer Bank oder in einem Café sitze, mache ich oft fieberhaft Notizen: Wäre die High Line, eine ehemalige Güterzugtrasse im Westen Manhattans, nicht ein idealer Ort für ein Date in der Mittagspause? Und dieser Mann, der im Washington Square Park auf einer Getränkekiste steht und wütend über das nahende Ende der Welt predigt, der muss einfach in meine Geschichte. Das Laufen durch New York funktioniert so gut, dass Teju Cole einen ganzen Roman darauf gründet: In »Open City« lässt er seinen Protagonisten einen Großteil der Zeit durch den Big Apple spazieren und dabei über die Stadt und sich selbst reflektieren.

Keine heile Welt


Sirenen, Hupen, stinkende Motoren, Lichtreklame – New York ist laut, anstrengend und überflutet die Menschen mit Reizen. Genau deshalb ist die Stadt das perfekte Setting für meinen Roman. Das Universum, in dem meine Figuren lieben und leiden, soll keine schöne und harmonische Umgebung sein. Aufregend soll es sein, bunt und unberechenbar.
New York hat diese Fähigkeit, mich immer wieder zu überraschen, zum Beispiel als ich mit der Subway vom Hipsterviertel Williamsburg nach Red Hook im Süden Brooklyns fahre. Schnaufend öffnen sich die Türen des U-Bahnwagens, und extrem laut schallen mir die ersten Zeilen des Songs »P.I.M.P.« von US-Rapper 50 Cent entgegen: »I don't know what you heard about me / But a bitch can't get a dollar out of me …«. Mit mir steigt eine Gruppe Kids ein, die sofort beginnt, zur Musik zu tanzen. Und das beeindruckend gut. Ich schaue mich um und suche den Subway-DJ. Dabei fällt mir auf: Fast alle Fahrgäste bewegen die Köpfe im Rhythmus des Songs. Hätte sich das in einer Münchner U-Bahn so zutragen können? Eher unwahrscheinlich.

Kneipensongs und Superhelden


Grüne Oasen: Gemeinschaftsgärten im East Village. © Eva Pfeiffer

Mein Lieblingsstadtteil in Manhattan ist das East Village. Früher ein Hotspot für Punks und Musiker wie Jeff Buckley oder die Ramones, ist es heute ein Viertel mit jeder Menge guten Restaurants, Bars, kleinen Läden, lauschigen Gemeinschaftsgärten und Streetart auf Backsteinfassaden. Obwohl auch im East Village die Mieten schwindelerregende Höhen erreicht haben, hat es sich liebenswerte Macken bewahrt. Als ich im Sommer dort wohne und häufig durch die charmant-trashige Straße St. Marks Place gehe, sitzt am Wegrand fast täglich eine stoisch blickende Frau mit einem Harlekinhut auf dem Kopf. Und abends im Tompkins Square Park nutzt eine Ballerina in Tutu und Spitzenschuhen einen Zaun als Ballettstange. In diesem Umfeld habe ich zwei meiner Roman-Protagonisten angesiedelt, passen sie als junge Gründer eines Videospielimperiums doch perfekt in das chaotisch-hippe Szeneviertel.

New York ist ein Wiedersehen von Orten, an denen ich nie zuvor war. Die Stadt ist in unserer Kultur so präsent, dass vieles vertraut erscheint. Ein solcher Ort ist das St. Dymphna’s, eine unspektakuläre, aber gemütliche Kneipe im East Village. In meinen deutschen Alltag gelangte das St. Dymphna’s durch Conor Oberst. Der Singer-Songwriter, der mit seiner Band Bright Eyes bekannt wurde, lebte einige Jahre im East Village und pflegte eine so innige Beziehung zu der Bar, dass er darüber ein Lied schrieb: »Till St. Dymphna Kicks Us Out«. Während ich auf meiner zweiten New-York-Reise mit meinem Airbnb-Mitbewohner im St. Dymphna’s Ale trinke, höre ich im Kopf Oberst die erste Strophe des Songs singen, in der er den Weg zur Kneipe beschreibt: 

 

 

Rise and shine, get out of bed
Get ready for the day
Get a coffee from the deli
And walk the riverbank
Be careful with your headphones on
When you cross the FDR
Don't want to be a casualty
Before you make it to the bar
And hide your shakes, and worried face
Just sit down in the back
Your friends got there ahead of you
And night is falling fast

 
So hat das St. Dymphna’s eine kleine Geschichte bekommen – und ein Musikvideo noch dazu (Conor Oberst - Till St. Dymphna Kicks Us Out). New York ist voller solcher Orte, an denen Künstler und Kreative, die ich schätze, eine Rolle spielen. Ein anderer von ihnen ist der Autor Dave Eggers, der den gemeinnützigen Brooklyn Superhero Supply Store gegründet hat. In dem Shop gibt es Superheldenutensilien wie Umhänge, Masken und Superkräfte in Dosen. Mit dem Erlös werden Schüler im Schreiben gefördert. Und die Superheldenschokolade schmeckt auch wirklich lecker.

Im East Village sind sogar die Baucontainer bunt. © Eva Pfeiffer
Typisch East Village: Backsteinfassaden mit Feuertreppen. © Eva Pfeiffer


Der Glamour-Faktor

Das Jacqueline Kennedy Onassis Reservoir im Central Park haben schon so einige Stars umrundet – zum Beispiel Dustin Hoffman im Thriller »The Marathon Man«. © Eva Pfeiffer

Ideen, Geschichten, Werke – sie sind ein Teil der Stadt und lassen Fiktion, Fantasie, Historie und Gegenwart an vielen Stellen zu etwas Glamourösem verschmelzen. Besonders deutlich wird das an den vielen Schauplätzen aus Film und Fernsehen. Wenn ich das Jacqueline Kennedy Onassis Reservoir im Central Park umrunde, muss ich jedes Mal daran denken, wie Dustin Hoffman im Thriller »The Marathon Man« auf dem gleichen Weg um den Stausee joggt. Als ich auf den Stufen des Metropolitan Museum of Art sitze und ein Sandwich esse, fühle ich mich wie am Set der Serie »Gossip Girl«. Und das Dakota Building auf der Upper West Side jagt mir einen Schauer über den Rücken, weil es für mich untrennbar mit dem Horrorklassiker »Rosemaries Baby« verbunden ist.
So ist New York, bei all diesem Input, den unzähligen Sehenswürdigkeiten, immer auch eine Fläche für unsere Projektionen. Mein Erleben der Stadt hat mir viel über die Wünsche und Sehnsüchte verraten, die ich von zu Hause mitbringe, über das, was ich suche und vielleicht auch vermisse. Auf diese Weise bekommt jeder sein eigenes New York – das ist meines.



New York: Nur wir beide

Eva Pfeiffer

272 Seiten

€ 13,99 (D)

 

 

 


Mit viel Herz, Charme und jeder Menge New-York-Feeling!

 

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© Silvie Tillard

Eva Pfeiffer, geboren 1982, studierte Ethnologie und Politikwissenschaft in Heidelberg und Wien, bevor sie begann, als Redakteurin für verschiedene Zeitungen und Magazine zu schreiben. 2017 erschien ihr Debütroman „Off the record – So schreibt man Liebe“, in dem sie ihre Erfahrungen im Lokaljournalismus verarbeitet. Ihre zweiter Roman „New York Pretty – Nur wir beide“ ist auch eine Liebeserklärung an den Big Apple. Eva Pfeiffer lebt in München.


Buchblog: Am Freitag, 12. Januar 2018 von Piper Verlag

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