Buchblog: Am Donnerstag, 02. März 2017 von Piper Verlag/ Claire Fuller

In ihrer Reihe »Publishing Interviews« spricht unsere Autorin Claire Fuller Menschen aus der Buchbranche über - genau - das Büchermachen. Mit der Übersetzerin ihres Romans »Eine englische Ehe« sprach sie über die Besonderheiten beim Übersetzen von Romanen.

»Man muss sich dem Werk mit Empathie nähern«

 

 

(Claire Fuller) Wie bist du Übersetzerin für Belletristik geworden?

(Susanne Höbel) Das war – außer natürlich, Schriftstellerin zu werden - immer mein Wunsch. Meine erste Wahl war damals Französisch, und ich erinnere mich, dass ich noch in der Schule die ersten Sätze von Albert Camus′ »L′Etranger« übersetzen wollte und gleich stecken blieb.

 

 

Susanne Höbel

Dies ist vielleicht eine naive Frage, aber du übersetzt nur vom Englischen ins Deutsche und nicht andersherum. Warum nicht?

Das musste ich auch erst lernen: Belletristik-Übersetzer übersetzen immer in ihre Muttersprache. Nur Übersetzer von technischen oder juristischen Texten oder Konferenzdolmetscher übersetzen in beide Richtungen. Es war dann aber doch der richtige Weg für mich, denn als Studentin der englischsprachigen Literatur war ich daran interessiert, diese Werke ins Deutsche zu übertragen. Es bedeutete allerdings, dass ich nicht, wie ich vorgehabt hatte, in England leben konnte, weil ich Zugang zu deutschen Verlagen finden musste, um Übersetzungsaufträge zu bekommen.

 

 

Wenn du von einem Verlag einen Auftrag bekommst, wie geht es dann weiter, und wie lange dauert die Arbeit im Allgemeinen?

Die Verlage haben einen ziemlich strengen Zeitplan und vergeben Übersetzungsaufträge immer mit einem Abgabetermin. Normalerweise habe ich vier bis fünf Monate Zeit, und das reicht für gewöhnlich auch aus.
Der Übersetzungsvorgang ist ziemlich unaufregend. Zuerst übersetze ich das Manuskript Satz für Satz. Normalerweise lese ich das Buch nicht im Voraus, denn im Verlauf der Arbeit arbeite ich es mindestens viermal durch. Im ersten Durchgang finde ich heraus, worum es in dem Roman geht und welche schwierigen Fragen oder knifflige Probleme sich stellen. Dann überarbeite ich die Rohübersetzung und bedenke dabei alles, was ich beim ersten Durchgang gelernt habe. Dabei geht es um Vokabular, Tonhöhe, Sprachregister. Um Zitate, Wiederholungen, Namen von Personen und Orten.
Ich benutze echte Wörterbücher, aber die Recherche, für die ich früher im Brockhaus nachgesehen habe oder in die Bibliothek gegangen bin, mache ich jetzt über das Internet. Ich habe Nachschlagewerke über Tiere und Pflanzen, ein technisches Wörterbuch, ein Bildwörterbuch in Englisch und Deutsch und andere Bücher, die mir sehr wichtig sind. Um ein besseres Verständnis für ein Wort zu bekommen, benutze ich oft das OED, ein einsprachiges Wörterbuch, und wenn ich eine Vorstellung davon habe, was das Wort im Deutschen sein sollte, benutze ich ein einsprachiges deutsches Wörterbuch.
Wenn die Überarbeitung abgeschlossen ist – die manchmal so lange dauert wie der erste Durchgang –, lese ich den vollständigen Text noch einmal. Das vierte Mal lese ich die Übersetzung, wenn ich die Druckfahnen vom Verlag bekomme. Das ist meine letzte Chance, Fehler zu verbessern und Änderungen zu machen, und deshalb nehme ich dieses Stadium sehr ernst.

 

 

Was für ein Art Mensch ist deiner Meinung nach der beste Übersetzer?

Jemand, der Bücher liebt. Der Sprache liebt, sowohl die Sprache und Kultur des Originals als auch die eigene Sprache. Jemand mit Selbstdisziplin, der seinen Arbeitstag gestalten kann und sich nicht zu leicht ablenken lässt. Jemand, der Ausdauer und Durchhaltevermögen hat. Der sich jeden Tag hinsetzen und schreiben kann - man muss ja nicht auf Inspiration warten, denn es steht alles schon da. Der sich für Details und Nuancen interessiert und es nicht leid wird, ihnen nachzugehen. Der gern allein arbeitet und eine Büroatmosphäre oder Kollegen nicht vermisst. Dem es nichts ausmacht, hinter oder in dem Original zu verschwinden.
Außerdem jemand, dem es nichts ausmacht, wenig Geld zu verdienen.

 

Was ist das Schwierigste, wenn man vom Englischen ins Deutsche übersetzt? Gibt es Dinge, von denen du sagen würdest, sie sind unübersetzbar?

Es gibt praktisch jeden Tag etwas, das unübersetzbar ist. Für mich ist das Übersetzen eine Annäherung. Ähnlich wie die Kommunikation. Nehmen wir ein Wort wie »Lunch«. Das Wort hat viele Konnotationen, von denen keine vermittelt wird, wenn ich das Wort als »Mittagessen« übersetze, das seine eigenen vielfältigen Konnotationen hat. Oder die Zweideutigkeit des Satzes: »Flying planes can be dangerous.« Im Deutschen braucht man zwei Sätze, um den Doppelsinn zu transportieren. Gut, man kann die beiden Bedeutungen übersetzen, aber die ungeheuer befriedigende Raffiniertheit der Satzstruktur geht verloren. Also ist der Satz unübersetzbar.

 

Was möchtest du erreichen, wenn du ein Buch übersetzst?

Ich möchte, dass sich das Buch in der Übersetzung genauso gut liest wie im Original. Der Leser soll beim Lesen nicht daran erinnert werden, dass er eine Übersetzung liest. Ich möchte, dass die deutsche Sprache leuchtet und vollständig idiomatisch ist. Ich möchte nicht, dass das Original durchschimmert.

Claire Fuller Eine englische Ehe

Was würdest du jemandem raten, der Übersetzer werden möchte?

Diese Frage ist mir schon manchmal von Übersetzern, die gerade anfangen, gestellt worden, und jedesmal möchte ich als erstes sagen: »Sei wie ein Schwamm.« Damit meine ich: Sauge so viel du kannst auf von der Kultur, der Literatur und Sprache des Landes, für das du dich entschieden hast. Lass nie nach in deiner Neugier, lerne jeden Tag etwas Neues. Lies das Wörterbuch. Lies die Literatur.
Natürlich muss jeder Übersetzer auch in der eigenen Sprache bewandert sein und sich mit weitgefächerter Lektüre weiterbilden.

 

Das ist vielleicht eine etwas kecke Frage – gab es bei der Übersetzung von »Eine englische Ehe« besondere Herausforderungen?

Ich habe Swimming Lessons von Anfang an sehr gemocht, obwohl die Geschichte auch etwas Verstörendes hat. Mir hat es besonders der elliptische Stil in den Dialogen und den Beschreibungen angetan. Die Knappheit und Präszision, mit der du Szenen und Personen zeichnest, das wollte ich unbedingt im Deutschen erhalten. Ich mochte das Schwebende an der Sprache, die dem Leser selten mitteilt, was eigentlich los ist, und ihn mit Mutmaßungen und Deutungen auf den Weg schickt, so dass viele Lesarten der Geschichte entstehen.
Manchmal habe ich das Gefühl, es reicht, das, was auf der Seite steht, wortgetreu zu übersetzen. Dann wiederum möchte ich in den Text kriechen und ihn von innen heraus übersetzen. Vielleicht unterscheiden sich die Ergebnisse der beiden Vorgehensweisen kaum, aber der zweite Ansatz bedeutet, dass man sich dem Werk mit mehr Empathie nähert, und ich fand, das war die beste Herangehensweise für dein Buch.

 

Die letzte Frage: Kannst du uns etwas über dich und deine Arbeit sagen, das Leser überraschen würde?

Ich liebe meine Arbeit nach wie vor und freue mich jeden Morgen, wenn ich mich an den Schreibtisch setze.
Ich bin jedes Mal ungeheuer dankbar, wenn ein Lektor anruft und mir eine Übersetzung anbietet.
Ich bin froh, dass ich nicht Schriftstellerin geworden bin, froh, dass jemand anders sich die Geschichte und die Handlung ausgedacht hat und die Figuren im Griff hat.
Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe dem Autor das Buch gestohlen, denn hier ist es, das Buch, aber der Autor hat kein einziges Wort darin selbst geschrieben und kann meistens auch gar nicht verstehen, was da geschrieben steht.
Ich bin sehr gern Übersetzerin, obwohl ich manchmal bezweifle, ob Übersetzung überhaupt möglich ist oder wirklich exisitiert.


Claire Fuller

Claire Fuller, geboren 1967, lebt mit ihrem Mann in Winchester, England. Für ihren von der Kritik hochgelobten Debütroman »Our Endless Numbered Days« wurde sie mit dem Desmond Elliot Award ausgezeichnet. »Eine englische Ehe» ist ihr zweiter Roman und wird derzeit in zehn Sprachen übersetzt.

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