Interview mit Alexander Stevens


Buchblog: Am Donnerstag, 02. November 2017 von Piper Verlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geschätzt 1200 Tötungsdelikte bleiben jährlich unentdeckt. Doch auch wenn die Taten entdeckt werden, heißt das nicht, dass die Täter auch überführt werden können. Selbst in Zeiten von Handyortung und hochentwickelten DNA-Analysen kann es ihn noch geben: den perfekten Mord. Strafverteidiger Alexander Stevens beschreibt in seinem neuen Buch 10 wahre und aktuelle Mordfälle, bei denen die Täter fast alle ungeschoren davonkommen. Spannend und detailreich berichtet er von den Geschehnissen und den Ermittlungen und erklärt, wie es möglich ist, dass die Mörder  mit ihren Verbrechen durchkommen – jeder auf seine ganz eigene Art.

 

 

© Hartwig

 

 

 

Was ist der perfekte Mord? Kann es ihn tatsächlich noch geben?

Ja, es gibt ihn, den perfekten Mord – vermutlich sogar hundertfach. Denn die Ermittlungsbehörden müssen einen Toten ja im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal zur Untersuchung vor dem Hintergrund eines möglichen Verbrechens vorgelegt bekommen und dann, in einem zweiten Schritt, als Todesursache einen Mord erkennen. Will heißen: Wo kein Kläger, da kein Richter. Wird ein Toter zum Beispiel von einem Arzt als „natürlich“ verstorben klassifiziert, kommen weder Polizei, noch Staatsanwalt oder Gerichtsmediziner. Und selbst wenn ein Mordopfer von einem Rechtsmediziner untersucht wird, heißt das noch lange nicht, dass er auch einen Mord feststellen wird. Schubsen Sie mal Ihre Schwiegermutter beim Bergsteigen in einem unbeobachteten Moment von der Klippe – Ihre Behauptung, es sei ein tragischer Unfall gewesen, wird Ihnen kaum jemand widerlegen können. Und wenn Sie einem Übergewichtigen eine Überdosis Insulin spritzen, wird auch kein Rechtsmediziner dumme Fragen stellen – Todesursache ist dann sein Diabetes. Aber das sind alte Kamellen, die man aus zahllosen Krimis kennt. In meinem Buch geht es schon um deutlich perfidere Mordmethoden und es sind Fälle, die alle genau so in jüngster Vergangenheit passiert sind. Besonders schlimm daran ist, dass man den Großteil der Fälle hätte verhindern können, wenn es zum Beispiel andere Gesetze gäbe.

 

Was sind die häufigsten Mordmethoden?

Am häufigsten werden Menschen erstochen, erwürgt oder erschlagen. Da Schusswaffen in Deutschland – anders als zum Beispiel in den USA, wo allein durch Schusswaffen ca. 10.000 Menschen jährlich sterben – stark reglementiert und nur sehr schwer zu beschaffen sind, ist Erschießen als Todesursache eher selten, ebenso wie z.B. das Vergiften, da man hierzu umfassenderes Wissen benötigt. Was die perfekten Mordmethoden angeht, gibt es keine Statistik, denn wie Alfred Hitchcock schon einmal richtig sagte: „Natürlich hat es schon perfekte Morde geben, sonst wüsste man ja von ihnen.“ Es gibt also womöglich viele unerkannte Tötungsdelikte, von denen man logischerweise auch nicht weiß, wie oder wodurch die betreffenden Personen tatsächlich zu Tode gekommen sind. So hat man zum Beispiel schon durch puren Zufall Leichen entdeckt, die Schusswunden, Strommarken und Würgemale aufwiesen, die aber allesamt von Ärzten mit Todesursachen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebsleiden zur Bestattung freigegeben worden waren.

 

 

Welche verschiedenen Mörder-Typen gibt es?

Eine wirklich abschließende Aufzählung ist hier nicht möglich, denn die Täter geben nur selten preis, warum sie gemordet haben. Oft kann der Grund von den Gerichten daher nur durch objektivierbare Rückschlüsse ermittelt werden, schließlich kann man niemandem in den Kopf schauen, um festzustellen, was derjenige sich bei seiner Tat gedacht hat. Klar, wenn jemand Geldnot hat und seine Ehefrau, die ihn in der Lebensversicherung gut bedacht hat, oder den reichen Erbonkel tötet, liegt es sehr nahe, dass hier aus Habgier getötet wird. Wer seine Geliebte tötet, die nebenbei noch mit anderen Männern verkehrt, wird vermutlich aus Eifersucht töten, und der Familienvater, dessen gesamte Familie durch den Fehler eines Fluglotsen ausgelöscht wurde und der diesen dann tötet, wird dies vermutlich aus Rachsucht tun, usw. Aber sicher gibt es auch Menschen, die aus purer Langeweile töten oder aber, weil sie mal sehen wollen, wie es ist, einen Menschen sterben zu sehen. Da kennen die menschliche Fantasie, aber auch die menschlichen Abgründe keine Grenzen.

 

Wie ist es, einen Mörder zu verteidigen?

Um diese Frage kommt man als Strafverteidiger nie herum: Es ist anders, zumindest für mich. Denn die meisten Straftaten betreffen Eigentums- und Vermögensdelikte, sprich Diebstahl, Betrug, Sachbeschädigung etc. Da denkt man als Verteidiger nicht sonderlich viel darüber nach, wie schlimm dieses Delikt für die Gesellschaft oder im Rahmen der eigenen Moral- und Wertvorstellungen ist. Bei Tötungsdelikten ist das anders, denn da vertritt man dann jemanden, der womöglich einem anderen Menschen das Leben genommen hat, man gibt ihm die Hand, mit der er womöglich das Leben ausgelöscht hat, man unterhält sich mit jemandem, der möglicherweise dafür verantwortlich ist, dass eine ganze Familie durch den Tod eines geliebten Menschen zerstört wird. Dennoch müssen alle diese Gedanken zurücktreten, denn in einem Rechtsstaat muss jeder das Recht auf eine faire Verteidigung haben und es wäre alles andere als fair, wenn schon der eigene Verteidiger Emotionen über nüchterne Fakten und Gesetze stellen würde. Und mal ganz ehrlich: Ein Zahnarzt hat wahrscheinlich auch keine Lust, den sich seit Jahrzehnten der Mundhygiene verschließenden Patienten zu behandeln, tut es aber trotzdem. Einer muss es ja machen.

 

Ist das Buch eine Anleitung zum perfekten Mord?

Nein, denn laut den Ermittlungsbehörden gibt es ja angeblich keine perfekten Morde. Und genau da setzt mein Buch an: Es zeigt, dass das schlicht gelogen ist. Natürlich gibt es perfekte Morde und dass dem so ist, liegt vor allem an genau dieser Einstellung der Ermittlungsbehörden. Mein Buch ist eine deutliche Kritik an all denjenigen, die behaupten, dass im Zeitalter von DNA-Analysen und Handyortung jeder Mörder zur Strecke gebracht wird. Dem ist offensichtlich nicht so, was mein Buch anhand echter Fälle trefflich unter Beweis stellt. Insoweit richtet sich das Buch vor allem an den Gesetzgeber und die Strafverfolgungsbehörden, aber wieso dabei nicht gleichzeitig ein paar spannende Geschichten für alle anderen erzählen?


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