Adventsgeschichten 24 Dezember
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Adventsgeschichte 24. Dezember

Ach, du Fröhliche

von Jenna Theiss

Alle Jahre wieder begann spätestens zwei Monate vor dem Weihnachtsfest bei uns der Irrsinn zu toben. Wie immer um diese Zeit rannte mein Vater auch in diesem Jahr von Tür zu Tür, um die Mitglieder seines Kirchenchores anzuflehen, zu den Proben zu kommen. Dann mussten auch noch all die Geige, Bratsche, Cello und Flöte spielenden Doktoren, sofern sie evangelisch waren, irgendwie überredet werden, im Orchester für den Gottesdienst am Heiligen Abend mitzuwirken. Irgendeine Weihnachtsgeschichte oder -kantate mit Solisten, Chor und Orchester musste sein, darunter tat es Vater nicht, koste es, was es wolle. Und es kostete ihn Einiges, vor allem Zeit und Nerven. Mitwirken wollten sie alle, proben wollten sie nicht.
Am schlimmsten war es mit den Solisten. Der Tenor, ein junger Musikstudent, meuterte, weil es kein Geld gab, Frau Gerlach, die Gattin des hoch angesehenen Chirurgen, bestand darauf, die Alt-Partie zu singen. Und weil ihr Angetrauter nicht nur Doktor, sondern sogar Professor, und daher ein überaus wichtiger Mann war, blieb meinem Vater nichts anderes übrig, als sie singen zu lassen. Er sagte, sie hätte eine Stimme wie ein Blechhäf’n. Sie hätte einige Semester Gesang studiert, aber bei ihr sei Hopfen und Malz verloren. Irgendwie musste dann auch noch ein Bass aufgetrieben werden, weil der, der eigentlich singen sollte, nicht sang, weil er Frau Gerlach nicht leiden konnte, weil deren Mann nämlich seinem Vater den Chefarztposten im Krankenhaus weggeschnappt hatte.
Ich hörte staunend zu, wenn Vater diese hoch komplizierten Zusammenhänge meiner Mutter erklärte. Allmählich begann ich zu verstehen, weshalb der Pfarrer die Leute, die sich da sonntags in der Kirche versammelten, immer „liebe Gemeine“ nannte. Sie waren ja wirklich ganz schön gemein zueinander.
Die Sopran-Partie würde wie immer meine Mutter übernehmen. Die Leute sagten, Mami hätte eine Stimme wie ein Engel. Das fand ich auch. Aber sie sah immer ein bisschen traurig aus, wenn es jemand zu ihr sagte. Ich glaube, sie wäre gerne Sängerin geworden.
Bevor noch die ersten Weihnachtskekse gebacken wurden, noch ehe ich mich ans Basteln der Geschenke machte, sauste mein Vater jedenfalls wie ein Wilder durch die Gegend, kam heim, schimpfte wie ein Rohrspatz und verschwand meistens bald darauf wieder.
Ich selbst hatte für dieses Jahr die verschiedensten hochfliegenden Pläne. Während Vater sich die Haare raufte, weil in seinem Chor die, die singen konnten, meist nicht zu den Proben kamen und die, die es nicht konnten, am lautesten sangen, begann ich mein eigenes Weihnachtskonzert zu planen.
Mami hatte mir ihre alte Gitarre geschenkt. Die hatte einen gewaltigen Sprung, der sich über den ganzen Korpus zog, und schepperte erbärmlich. Mich störte das nicht im Geringsten. Ich fand dieses Instrument genial. Keiner wollte, dass ich täglich darauf übte, und ich konnte spielen, was mir Freude machte. Ich besorgte mir eine Grifftabelle und schrubbte drauflos. Das war einfach, machte Spaß und brachte mich auf die Idee, ein paar Kinder zusammenzutrommeln und einige Weihnachtslieder einzustudieren. Wir fragten im Seniorenheim und in den beiden Krankenhäusern nach, ob wir vielleicht am 23. Dezember ein wenig Musik machen sollten. Der Vierundzwanzigste war nämlich bei mir und auch bei einigen anderen Kindern total ausgebucht. Unsere Idee stieß überall auf Begeisterung.
Ja, dieses Weihnachtsfest sollte ein ganz besonderes werden! Ausgerechnet der immer schlecht gelaunte, rotgesichtige Pfarrer hatte mir nämlich das wundervollste Vorab-Weihnachtsgeschenk gemacht, das ich mir vorstellen konnte: In unserer Kirche war endlich ein Motor für den Blasebalg der Orgel eingebaut worden. Das zu erfahren, war einer der glücklichsten Momente meines Lebens. Bis zu diesem Tag war ich nämlich der Motor gewesen.
An der Seite des großen Gehäuses, das die Orgelpfeifen barg, befand sich ein wuchtiges, hölzernes Tretpedal. Ich war noch zu klein und zu leicht, um es einfach nach unten zu treten. Ich musste mich an dem darüber angebrachten Griff festhalten und mit Schwung auf den Trittbalken springen, der mich dann langsam nach unten gleiten ließ. Nach sechs oder sieben Sprüngen und Abwärtsfahrten war der Blasebalg voll und ich konnte mich hinsetzen und ein wenig lesen.
Natürlich durfte ich dabei nicht allzu sehr in meine Bücher versinken, wie ich das so gerne tat. Behielt ich nämlich das Holzzünglein, das den Luftstand im Gebläse anzeigte, nicht im Auge, konnte es passieren, dass ich den Moment übersah, an dem ich weitertreten musste. Die Orgel jaulte dann schmerzvoll auf, um kurz darauf in Schweigen zu versinken. Die sprudelnde Fuge, das majestätische Präludium, die fließende Toccata hauchten in dem Wutgeheul des sterbenden Ungeheuers ihr Leben aus.
Am Anfang hatte ich das Aufspringen und Abwärtsgleiten ganz unterhaltsam gefunden. Das sollte sich bald ändern. Vater brauchte mich zum Üben. Von der Kirchenmusik konnten wir nicht leben, also ging er tagsüber ins Büro und übte abends. Er übte jeden Abend, und was mein Vater tat, tat er gründlich. Er liebte die Musik, bereitete sich akribisch genau auf jeden Sonntag vor, und er vergaß meistens die Zeit, wenn er spielte.
Manchmal vergaß er auch mich auf meinem Beatmer-Posten und es fiel ihm erst wieder ein, dass ich da war, wenn die Orgel in ihr heiseres Heulen ausbrach, weil ich eingeschlafen war.
Vater brauchte mich auch für die Gottesdienste, jeden Sonn- und Feiertag pünktlich um neun Uhr. Die Predigten waren laut und lang. Die Geschichten aus der Bibel, wie Jesus ganz viele Brote und Fische aus ganz wenigen machte, oder billigen Wein in ganz teuren verwandelte, oder wie er über das Wasser lief, gefielen mir gut. Aber sobald der Pfarrer sie eine halbe Stunde lang tranchiert hatte, so, wie Mami es wohl auch dieses Jahr wieder mit dem kastaniengefüllten Weihnachtstruthahn machen würde, verlor ich immer meine Freude daran.
Im Sommer gab es sogar Kirche im Doppelpack. Für die Kurgäste das Ganze noch mal um elf. Der Pfarrer fuhr auf Urlaub und Kurprediger mit ungewohntem norddeutschen Akzent und ununterbrochen redenden Gattinnen mit Knotenfrisur reisten an. Sie pflegten Antrittsbesuche bei uns zu machen. Mami zauberte zu diesen Gelegenheiten wahre Kunstwerke von kalten Platten, weil sie bei solchen Anlässen von allen in unserer Familie herrschenden Vorschriften für eine gesunde Ernährung entbunden war. Die fremden Pfarrer lobten ihre Kreationen immer sehr und die Pfarrersfrauen packten alles, was sie nicht aufessen konnten, ein und nahmen es mit nach Hause.
Ehrlich gesagt, ich hasste die Orgel und ich hasste sie von Tag zu Tag mehr. Ich schickte frevelhafte Gebete zum Himmel. „Lieber Gott, lass die Kirche abbrennen und die Orgel weg sein!“ Zu meinem Vater hätte ich niemals ein Wort davon gesagt. Für ihn war Musik das Größte, das Erhabenste und Wichtigste auf der Welt. Er hätte es nicht verstanden und es hätte ihn verletzt.
Das Schlimmste aber war, dass ich an dem Weihnachtsspiel, das die anderen Kinder jedes Jahr einstudierten, nicht teilnehmen durfte, weil ich ja zum Treten der Orgel gebraucht wurde. Zu gerne wäre ich auch einmal ein Engel gewesen. Als Engel musste man ein weißes Leintuch und zwölf Sicherheitsnadeln mitbringen. Aus diesen Utensilien wurde dann ein wallendes, weißes Gewand gezaubert und man erhielt einen goldenen, mit einem Stern verzierten Folienreif, den man im Haar trug.
Angesichts der frohen Botschaft mit dem Orgelmotor begann ich, Sicherheitsnadeln zu sammeln. Vater war zufrieden. Die Orgel heulte nun nicht mehr mitten in den Stücken, weil ich mich wieder einmal festgelesen hatte oder eingeschlafen war, und er konnte an den Abenden üben, so lange er Lust hatte. Ich war selig. Es würde ein wundervolles Weihnachtsfest werden.
„Es ist wirklich ein Glück, dass ich dich nun nicht mehr zum Orgeltreten brauche!“, sagte Vater eines Tages begeistert. „Du kannst jetzt die Register bedienen. Ich hätte da immer schon dringend Hilfe nötig gehabt und du bist klein und dünn genug, zwischen Orgelbank und Empore schnell von einer Seite zur anderen zu schlüpfen!“
Ich steckte die vier Sicherheitsnadeln, die ich schon zusammengesammelt hatte, heimlich in das Nähkästchen meiner Mutter und begrub meinen Engelstraum. Um punkt sechs Uhr würde ich wieder an der Orgel stehen, diesen Abend, nächsten Abend, den übernächsten und zu allen Weihnachtsgottesdiensten erst recht!
„Aber jeden Abend muss das Kind nun wohl doch nicht mehr in die Kirche“, sagte meine Mutter mit einer leisen Warnung in der Stimme.
„Nein, jeden Abend eigentlich nicht.“

Vater hatte raffinierte Registerwechsel ausgearbeitet, die nun sein Spiel perfektionieren würden. Ich hasste die Orgel weiterhin, aber von dem Tag an, als die Geschichte mit Buxtehude passierte, begannen mir die Weihnachtsvorbereitungen Spaß zu machen. Außerdem hatte Mami durchgesetzt, dass meine Anwesenheit in der Kirche auf dreimal etwa zwei Stunden in der Woche beschränkt wurde.
Also kam ich auch an diesem Abend erst gegen sieben Uhr auf der Empore an, als mein Vater schon eifrig am Üben war. Er spielte Buxtehude. Der Name gefiel mir. Dieser Buxtehude musste ein lustiger Mensch gewesen sein, denn das, was er da komponiert hatte, ließ den Organisten aussehen wie ein in höchster Panik flüchtendes Kamel. In wilden Sprüngen bewegten sich die Füße meines Vaters von einem Ende des Pedals zum anderen, während er kunstvoll auf der äußersten Kante der Orgelbank balancierte, und oben auf den Tasten zappelten seine Finger in rasender Geschwindigkeit. Ich wollte gerade guten Abend sagen, als er mit einem gewaltigen Rums von der schmalen Bank kippte und mit gegrätschten Beinen auf den Pedaltasten landete, die einen brüllenden, schauerlichen Dauerakkord von sich gaben.
„Motor aus!“, schrie mein Vater.
Ich schaltete das Gebläse ab, aber natürlich dröhnte die Orgel weiter. Der Blasebalg war ja noch voll. Mein Vater versuchte, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien und endlich das wütende Getöse des misshandelten Instruments zum Schweigen zu bringen. Er steckte fest. Ich packte ihn am Kragen und zog aus Leibeskräften.
„Das ist es“, sagte er zufrieden, während er immer noch neben der Orgel auf dem Boden saß. „Du musst mich bei diesem Stück festhalten!“ Er schaltete den Motor wieder ein, kletterte zurück auf die Orgelbank und ich packte ihn erneut am Kragen. Wie ich es vom Registrieren her gewohnt war, las ich die Noten mit und versuchte, ihn genau nach dem Verlauf der Pedalstimme hin- und herzuschubsen. Es klappte ganz gut.
„Wir müssen es immer wieder üben“, sagte mein Vater. „Ohne dich schaffe ich es nicht.“
Ich war überrascht und sehr stolz. Etwas in dieser Art hatte er noch nie gesagt. Ich war wichtig. Die albernen Engelsgewänder konnten mir gestohlen bleiben!

Ganz im Gegensatz zum Chor meines leidgeprüften Vaters, der immer wieder absolut unchristliche Morddrohungen, speziell gegen die sangesfreudige Frau Pellischek mit der scheppernden Stimme und dem Schweinsgehöhr ausstieß, machte sich mein kleiner Chor ganz hervorragend. Wir sangen zwei- und dreistimmig zur Gitarre und es klang gut.
Meine Mutter hatte angefangen, Kekse zu backen. Sie deponierte sie wie jedes Jahr in großen Blechdosen in dem kleinen Abstellraum zwischen Wohnzimmer und Toilette. Und wie jedes Jahr bestand sie darauf, dass jeder, der mal raus musste, diesen Gang laut singend erledigte. Auf diese Weise meinte sie sichergehen zu können, dass sich keiner vor Weihnachten über das süße Gebäck hermachen würde. Vater, der zwar immer über die Schädlichkeit von Weißmehl und Zucker schimpfte, aber in Wirklichkeit ganz verrückt nach Keksen war, hatte allerdings seine eigenen Tricks. Der Bestand an Nusstalern nahm bedrohlich ab und meine Mutter machte sich zwischen Weihnachtsputz und Proben noch am 22. Dezember daran, keksmäßig wieder aufzurüsten.
Ich sollte beim Ausstechen helfen. Ich machte mir im Grunde nicht viel aus Weihnachtsgebäck. Ich mochte eigentlich nur die Schokoladenkekse und die kleinen Rumkugeln, die allenfalls einen Anstandstropfen Rum enthielten. Aber auf den duftenden Nussteig war ich ganz wild. Sooft sich meine Mutter umdrehte, stopfte ich Teigreste in mich hinein. Sie drehte sich oft um. Ein Wunder eigentlich, dass mir an diesem Abend nur ein klein wenig flau im Magen war.
Zum Glück ging Vater nach dem Abendessen allein in die Kirche. Mami wollte den Weihnachtsbaum schmücken, am nächsten Tag gab es noch reichlich Proben und andere Vorbereitungen für sie und am Heiligen Abend die Generalprobe, den Festgottesdienst und die Kocherei. Ob ich Lust hätte, ihr beim Baumschmücken zu helfen, wollte sie wissen, schließlich sei ich ja nun schon groß genug. Ich hatte keine Lust. Ich wollte mich überraschen lassen wie jedes Jahr. Auch war mir inzwischen noch etwas flauer im Magen geworden. Ich legte mich ins Bett und sie ließ die Tür zum Weihnachtszimmer offen. Ich war aufgeregt. Morgen würde unser großer Seniorenheim- und Krankenhausauftritt stattfinden, der Blumenständer, den ich für Mami gebastelt hatte, war noch immer nicht ganz stabil, an der Vormittagsprobe in der Kirche musste ich auch teilnehmen und ich wollte noch die Tante Minni mit einem kleinen Christbäumchen überraschen. Außerdem zwickte der Teig in meinem Bauch.
„Ich kann nicht schlafen“, jammerte ich.
„Wollen wir ein paar Weihnachtslieder singen?“, schlug Mami vor.
Wir konnten viele Weihnachtslieder, kunstvolle und einfache. Wir sangen sie alle und ich vergaß das Zwicken im Bauch. Ich sang die erste Stimme und Mami die zweite. Irgendwann schlief ich ein.

Als mich meine Mutter am Morgen-Kinder-wird’s-was-geben-Tag aus dem Schlaf rüttelte, brannte mein Magen wie Feuer. Aber als ich ihr Gesicht sah, waren die Bauchschmerzen vergessen. Sie war ganz weiß und hatte Ringe unter den Augen. „Vater ist nicht heimgekommen“, sagte sie. „Er ist nicht aus der Kirche gekommen, sein Bett ist unbenutzt. Oh Gott, ich wusste doch, dass er sich eines Tages umbringt mit dieser Orgelspielerei!“ Sie begann zu weinen. „Ich gehe ihn suchen.“
Es dauerte eine Weile, bis ich verstanden hatte. Wie eine glühend heiße Welle rollte die Angst durch meinen Körper. Was hatte das alles zu bedeuten? Wie gelähmt saß ich im Bett und sah meiner Mutter zu, die Schuhe und Mantel anzog. Sie weinte immer noch, als sie durch die Wohnungstür hinaus auf den Gang trat.
„Das war eine lange Nacht“, hörte ich eine Stimme draußen am Flur. Ich sprang aus dem Bett und schoss, so wie ich war, im Nachthemd hinaus. Auf der alten Wäschetruhe saß mein Vater. Er sah etwas zerknittert, aber durchaus lebendig aus.
„Wa – was um alles in der Welt…!“ Mami schaute drein, als sei ihr soeben der Engel aus der Weihnachtsgeschichte erschienen. Nur dass der Engel nicht „Fürchtet euch nicht“ sagte, sondern erklärte, dass er ein Oberdepp sei, der seinen Schlüssel vergessen hatte.
Erst mal fielen wir uns alle um den Hals und weinten noch ein bisschen vor Erleichterung. Dann wollte Mami wissen, weshalb Vater denn nicht geklingelt hätte.
„Habe ich ja! Aber nach einer halben Stunde fand ich es angenehmer, auf der Kiste zu übernachten, statt bis zum Morgen auf diesen Klingelknopf zu drücken.“
Mami und ich hatten eben einen gesunden Schlaf.
Kaum war die Angst weg, begann das höllische Brennen in meinem Magen von Neuem. Aber es half nichts. Jetzt musste ich erst mal zu Tante Minni. Um diese Zeit ging sie immer einkaufen. Da konnte ich in Ruhe Heinzelmännchen spielen. Früher, als Tante Minnis Eltern noch lebten, hatte es immer einen kleinen Weihnachtsbaum in ihrem Häuschen gegeben. Bunte Holzfiguren hingen darauf, ein paar davon liebte ich besonders, winzige Kreisel, die Drehmännchen. Wenn ich zu Besuch kam, durfte ich sie abnehmen und auf dem Tisch tanzen lassen. In den letzten Jahren hatte die Tante Minni keinen Baum mehr geschmückt. Sie feierte Weihnachten immer bei uns, aber ich fand dieses weihnachtsschmucklose Haus trotzdem irgendwie traurig. Tagelang hatte ich Strohsterne gebastelt und Schaukelpferdchen und kleine Engel, die ich beim Drechsler erstanden hatte, bemalt. Mami hatte ein winziges Bäumchen besorgt. Als ich gerade beladen mit dem Zweitschlüssel zu Tante Minnis Haus, dem Bäumchen und dem selbst gebastelten Christbaumschmuck losziehen wollte, kam mir Herr Müller, unser Nachbar, entgegen. Er trug einen zusammengerollten Teppich unter dem Arm.
„Den hab ich auf der Stiege gefunden“, sagte er. „Gehört der vielleicht euch?“
„Nein!“, hörte ich meinen Vater hinter mir aufschreien und da kam er auch schon angeschossen, rannte den armen Herrn Müller fast um, entriss ihm den Teppich und raste damit die Treppe hoch zum dritten Stockwerk.
„Äh – danke schön, Herr Müller. Scheint meinem Vater zu gehören“, murmelte ich und rannte ebenfalls nach oben. Vater hockte auf der obersten Stufe der Treppe und hielt den Teppich fest umklammert. „Was machst du da?“, wollte ich wissen.
„Ich warte, dass die Mami einkaufen geht. Das ist doch meine Überraschung für sie! Eigentlich wollte ich den Teppich in der Nacht mitbringen, wenn sie schon schläft und ihn dann gleich verstecken. Ich hab ihn gestern auf die Stiege gelegt, wie ich nach dem Schlüssel gesucht habe, und ihn dort vergessen.“
„Ach so“, sagte ich. „Da kann ich dir jetzt wohl auch nicht helfen.“
„Doch. Du kannst mir Papier und Bleistift bringen. Ich habe eine Idee.“
Ich holte das Gewünschte und mein Vater begann zu dichten. Es ist übrigens ein ganz wundervolles Gedicht geworden, das mit den Worten „… nehm’s zur Kenntnis mit ’nem Seufzer: Depp ich – Stiegenläufer“ endete.
Irgendwann muss es ihm schließlich doch gelungen sein, seine Weihnachtsüberraschung in die Wohnung zu schmuggeln, denn als wir uns bei der Vormittagsprobe in der Kirche trafen, war er bester Laune. Auch bei mir war alles zur Zufriedenheit verlaufen. Ich hatte das kleine Bäumchen mitten auf Tante Minnis Wohnzimmertisch aufgestellt, sorgfältig geschmückt und hatte mich dann ungesehen davongemacht.
Mami verließ die Probe etwas früher. Vater war mit den Solisten fertig und wollte noch einmal mit dem Chor arbeiten. Da ich während der Chorstücke nicht an der Orgel gebraucht wurde, sang ich im Sopran mit.
„Der Sopran bitte etwas zurück“, sagte Vater zum dritten Mal, woraufhin zum dritten Mal der ganze Sopran leiser sang und die gute Frau Pellischek noch lauter brüllte.
„Leise!“, zischte ich zu ihr hinüber, was mir einen giftigen Blick ihrerseits und ein dankbares Lächeln meines Vaters einbrachte. Sie drosselte die Lautstärke nämlich tatsächlich und die falschen Töne schrillten nicht mehr ganz so penetrant durch das Kirchenschiff.

Es war der Geruch des mittäglichen Gemüseeintopfs, der meinen nussteigmalträtierten Magen endgültig in die Revolte trieb. Mir war sterbenselend – und ich musste um drei im Seniorenheim sein! Ohne mich würden die anderen Kinder nicht singen wollen. Ich war die Überstimme und die einzige, die Gitarre spielte. Irgendetwas musste geschehen. In der Küche stand noch der Anstandsrum für die Rumkugeln. Erwachsene tranken doch manchmal Schnaps gegen verdorbenen Magen, fiel mir ein. Ich schlich in die Küche und nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Das Zeug brannte und schmeckte ganz scheußlich, aber es half. Das Brennen in meinem Magen hörte auf. Ich erklärte, keinen Hunger zu haben, was meine Mutter für Lampenfieber hielt, und verzichtete tunlichst auf das Mittagessen.
Kurz bevor ich aufbrach, nahte die Katastrophe in Gestalt des rotgesichtigen Pfarrers. Er wolle noch einige Änderungen für den Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag bekannt geben, erklärte er. Vater wurde weiß im Gesicht, wie er es immer wurde, wenn er mit letzter Kraft versuchte, sich zu beherrschen. Meine Mutter verdrehte die Augen und mir schwante Fürchterliches. Ich kannte das Drama schon. Es fing damit an, dass dem Pfarrer im letzten Moment einfiel, dass er dann doch nicht predigen würde, was er hatte predigen wollen. Das bedeutete, dass er auch neue Lieder aussuchte, die die lieben Gemeinen singen sollten. Neue Lieder – für Vater hieß das andere Präludien, neue Übergänge schreiben, mit dem Üben von vorne anfangen… Kein Mensch auf dieser Erde wäre imstande gewesen, ihm das auszureden. Es hatte keinen Sinn, ihn zu fragen, ob er nicht einfach nur die Choräle auswechseln und ansonsten das spielen wollte, was er vorbereitet hatte. Im Gegenteil – mit der Feststellung, kein Mensch würde das bemerken, hätte man ihn nur vollends zu Weißglut gebracht.
Angstvoll sah ich zu, wie er mit grimmiger Miene und ziemlich unflätige Worte vor sich hinmurmelnd Berge von Noten in seine Aktentasche stopfte. Würde ich nun in die Kirche abkommandiert werden und meine Mitsänger jetzt erst recht alleine lassen müssen?
„Also… ich…“, machte ich mich vorsichtig bemerkbar.
„Schon gut“, brummte er. „Ich schaffe das schon alleine. Lauf nur.“
Erleichtert schnappte ich meine Gitarre und rannte los.

Unser Auftritt im Seniorenheim war ein voller Erfolg. Einigen von den alten Leuten standen die Tränen in den Augen, als wir die alten Weihnachtslieder sangen, und bei „Go, Tell It on the Mountain“ begannen sie richtig zu swingen.
Anschließend besuchten wir die beiden Krankenhäuser unseres Städtchens. Auch hier freuten sich alle. Im zweiten Krankenhaus, unserer letzten Station, hatte eine besonders nette Schwester große Teller mit Weihnachtsgebäck und riesige Kannen mit nach Orangen duftendem Tee vorbereitet. Während die anderen Kinder sich mit Begeisterung darauf stürzten, spürte ich, wie sich beim Anblick der Kekse mein Magen erneut umdrehte. Ich würde das Zeug nicht anrühren, aber der Tee mit Orangensaft schmeckte hervorragend. Ich konnte gar nicht genug kriegen davon.
Als wir schließlich auf die Straße hinaustraten, bemerkte ich, dass meine Knie weich waren wie Pudding. Der Platz vor dem Krankenhaus drehte sich vor meinen Augen wie ein Karussell. Es sah aus, wie es immer in der Vorweihnachtszeit aussah, aber in meinen Augen war auf einmal alles wahnsinnig lustig. Die Leute, die vorbeitanzten, statt gesittet zu gehen, hatten zum Teil sogar zwei Nasen. Einige verfügten mit einem Mal über zwei Köpfe. Ich schwankte ein wenig auf meinen Puddingbeinen und schüttete mich aus vor Lachen. Petra und Brigitte, zwei Mädchen aus meiner Klasse, packten mich links und rechts und schleppten mich nach Hause, was ich ebenfalls sehr lustig fand. Dass ein paar der doppelnasigen Wesen, denen wir unterwegs begegneten, stehen blieben und recht komisch dreinschauten, statt in die Lieder einzustimmen, die ich lauthals sang, konnte ich allerdings nicht so recht verstehen. Schließlich war es doch fröhliche Weihnacht überall und ich schien die Einzige zu sein, die fröhlich war.
Meine Mutter war eine lebenserfahrene Frau. Ein kurzer Blick genügte ihr für die Diagnose. „Du lieber Himmel, Kind, du bist ja vollständig betrunken!“ Sie rang die Hände. „Wie konnte das denn passieren?“
„Sie hat Unmengen Punsch getrunken“, erklärte Petra.
„Oran-orangenschentee“, lallte ich. „Und ein bisschen Rum aus der Flasche, aber nur ein ganz kllleines bisssschn.“
„Wer, um alles in der Welt, hat euch denn Punsch gegeben?“
„Die Schwester im Krankenhaus“, sagte Isolde.
„Na, fröhliche Weihnachten!“, stöhnte meine Mutter und machte sich daran, mich zu entkleiden. „Ein Glück, dass Vater nicht da ist. Jetzt schlaf erst mal deinen Rausch aus.“ Sie steckte mich ins Bett und ich fand immer noch alles sehr lustig und bald darauf träumte ich lustige Dinge von lustigen Menschen, die alle zwei Nasen hatten.

Am nächsten Morgen war die Welt wieder in Ordnung. Fürs erste wenigstens. Ich hatte gut geschlafen und war ohne Brummschädel und ohne Kater aufgewacht. Mami hatte ich die ganze Geschichte mit dem Keksteig gebeichtet. Dass ich den süßen Punsch für Tee gehalten hatte, lag daran, dass ich noch nie in meinem Leben Alkohol getrunken hatte. Nun hatte ich gelernt, dass Alkohol auch andere Wirkungen haben kann, als nur einen verrenkten Magen zu beruhigen.
Vater war erst spät in der Nacht aus der Kirche gekommen und in aller Früh wieder losgerannt. Gegen halb zehn Uhr erschien er wieder zu Hause. Er sah bläulich aus. Die elektrische Heizung an der Orgel war ausgefallen.
„Mach dir schnell einen heißen Tee, ich bin gleich wieder da.“ Mami schnappte ihre Geldbörse und schlüpfte in den Mantel.
Bald darauf kam sie zurück. Unter dem Arm trug sie ein Paket mit Ski-Thermounterwäsche, in der anderen Hand hielt sie einen Zettel, den sie meinem Vater unter die Nase hielt. „Frohe Weihnachten allerseits – Minni“ stand darauf.
„Was soll das denn?“, fragte mein Vater erstaunt und begann sich auszuziehen.
„Ist an der Tür gesteckt. Ich glaube, sie hat die Sache mit dem Christbaum falsch verstanden“, seufzte Mami. „Wahrscheinlich glaubt sie, es bedeutet, dass sie bei sich zu Hause Weihnachten feiern soll und fühlt sich ausgeladen.“
Ich kämpfte mit den Tränen. „Aber ich wollte ihr doch nur eine Freude machen …“
„Komische Alte“, brummte mein Vater und zwängte sich in die Thermounterhose.
„Ich hole sie“, erklärte Mami.
„Aber um elf ist Generalprobe, kruzitürken!“, schimpfte Vater.
„Ich werde ihr die Leviten lesen, dazu brauch ich nicht lange.“

So ging dann alles seinen Gang und wir steuerten gemeinsam, allen Widrigkeiten des Lebens zum Trotz, auf ein Happy End unter dem Weihnachtsbaum zu. Die gute Tante Minni hatte sich beruhigt und tat, als sei nichts gewesen. Und vor dem festlichen Gottesdienst zum Heiligen Abend gab es eigentlich nur noch eine einzige kleine Panne. Ich hatte nämlich ein Weihnachtskino für meinen Vater gebastelt. Dafür hatte ich mir eine Geschichte von einem kleinen Hirten ausgedacht, der zu spät zur Krippe kommt, und sie von vorne bis hinten in Reime gefasst. Das war zwar nicht sehr originell, weil bei uns fast alle Weihnachtsgeschichten von kleinen Hirten handeln, die zu spät zur Krippe kommen, aber sie gefiel mir. Dazu hatte ich auf Butterbrotpapier Bilder gemalt, die man mithilfe von Klorollen vor einem Fenster, das ich aus einem Schuhkarton geschnitten hatte, erscheinen lassen konnte. Hinter dem Schuhkarton wurde eine Kerze aufgestellt und während ich die so erhellten Bilder weiterdrehte, wollte ich meine Verse vortragen.
Es ging gar nicht besonders viel kaputt, als die Schachtel beim Ausprobieren Feuer fing, weil Mami die Flamme geistesgegenwärtig mit einem Handtuch erstickte. Ich schaffte es, den Schaden noch rechtzeitig zu reparieren, bevor wir in die Kirche mussten, und Mami gab mir für die Vorführung am Abend eine kleine Nachttischlampe.

Zu später Stunde lag ich unter dem Weihnachtsbaum und war glücklich. Im Arm hielt ich das süße, kuschelig weiche Plüschpferdchen, das ich mir so sehr gewünscht hatte. Der festliche Gottesdienst war dann auch noch wunderschön geworden. Alles hatte hervorragend geklappt, Frau Pellischek vom Sopran hatte auch nur ab und zu gebrüllt. Meiner Mutter hatten die Leute die Hand geschüttelt und wieder einmal gesagt, dass sie so schön singe wie ein Engel. Aber sie war ganz schnell losgerannt, weil sie nämlich ganz viel kochen wollte, was sie auch durfte, weil Weihnachten war. Die Tante Minni hatte ihr geholfen, und weil ein guter Appetit doch sicher auch ein Gradmesser für beleidigt oder nicht beleidigt war, konnte man leicht feststellen, dass sie überhaupt nicht mehr beleidigt war. Vater war von seinem Weihnachtskino ganz begeistert gewesen, und Mami freute sich sehr über den hübschen Teppich und das Gedicht von dem Depp und dem Stiegenläufer. Dass der Blumenständer, den ich für sie gebastelt hatte, im allerfeierlichsten Moment zusammenbrach, war zuerst schon ein Schock. Aber sie meinte, wir würden ihn schon noch stabil kriegen, sammelte die Blumentöpfe ein, die über den Fußboden kullerten, und kehrte schnell die Erde weg. Sie sagte, es sei trotzdem das wunderbarste Geschenk, das sie jemals erhalten hatte.
Ich drückte mein Pferdchen fest an mich und schaute durch die Zweige des duftenden, großen Tannenbaumes bis ganz nach oben zum Wipfel. Weihnachten, fand ich, war doch die allerschönste Zeit im Jahr.

Über die Autorin

Jenna Theiss ist in Bad Ischl in unmittelbarer Nähe der Kaiservilla aufgewachsen. Sie studierte Psychologie, Pädagogik und Musik in Salzburg, kam 1983 nach Berlin und fügte noch ein Studium der Tierpsychologie an. Sie ist als Seminarleiterin, Musikerin und Autorin von Sachbüchern und -artikeln tätig. Außerdem hat sie zwei Kriminalromane für Kinder geschrieben. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihrem Mann und vielen Tieren auf einem alten Bauernhof in Brandenburg.

Bücher von Jenna Theiss
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