Was geschah wirklich mit Pamela Moore?


Kevin Kanarek über seine Mutter

 

 

»Ich habe an Pamela Moore gedacht. Wahrscheinlich bin ich der Einzige, der überhaupt noch an sie denkt. Für die französische Literaturkritik war sie die ›amerikanische Françoise Sagan‹. Sie erlebte einen flüchtigen Ruhm, und dann erschoss sie sich mit einer Schrotflinte, wie Hemingway, über den sie gerade ein Buch schrieb. [...] Ich musste an Otto Weininger denken, den jungen jüdischen Philosophen, der sich im Beethoven-Haus in Wien eine Kugel ins Herz gejagt hat. Er war 23. Ein halbes Jahr zuvor hatte er die Welt mit seinem Buch Geschlecht und Charakter konfrontiert,das mit seiner unterschwelligen Menschenverachtung zahlreiche Literaturkritiker vor den Kopf stieß. [...] Ich glaube, die junge Autorin hätte ihm gefallen. Beide hatten sie sich lieber ins Nichts gestürzt, als in der Mittelmäßigkeit dahinzudümpeln.«

 

Roland Jaccard, Cioran et compagnie   

 

 

 

Als ich diese Zeilen zum ersten Mal las, war ich gekränkt, regelrecht verärgert war ich: von ihrer Mischung aus Zynismus und Sentimentalität – so typisch männlich und so typisch für das Europa einer bestimmten Epoche – und dem ganzen Konzept, dass jugendliche Genies und flüchtige Berühmtheiten besser daran täten, jung zu sterben, anstatt sich dem zu stellen, was das Leben vielleicht noch für sie bereit hält.

 

Besonders aber verstörte mich an dieser Weltsicht, dass Jaccard womöglich recht hatte, zumindest insofern, dass Pamela Moore die Dinge vermutlich ähnlich sah wie er.

 

Sie war meine Mutter, aber ich habe sie eigentlich nie gekannt; zum Zeitpunkt ihres Todes war ich noch kein Jahr alt. Angeblich soll es für Babys wie ein endgültiger Abschied sein, wenn jemand nur aus dem Zimmer geht. Es muss ihnen also wie ein Wunder vorkommen, wenn derjenige plötzlich wieder auftaucht.

 

Für mich tauchte meine Mutter erst sehr viel später wieder auf, in der Wohnung meiner Großmutter Baba an der 110. Straße in Manhattan, und vor allem in Gestalt ihrer Bücher: der ein oder anderen Ausgabe von Cocktails, die weit oben auf dem Regal stand. Zusammen mit den unveröffentlichten Schriften stapelten sie sich an den Wänden eines ungenutzten Zimmers, von denen die grüne Farbe blätterte. Pamela war oft tagelang in dieser Wohnung zu Gast gewesen, um zu schreiben und sich mit polnischer Hausmannskost bekochen zu lassen.

 

Baba machte mich auf ihre ganz eigene Art mit der Geschichte meiner Mutter bekannt. Sie las mit Begeisterung die reißerischen Schlagzeilen und sensationslüsternen Geschichten über menschliche Abgründe in den New Yorker Boulevardzeitungen wie der Daily News oder der New York Post. Baba hatte den Holocaust überlebt, indem sie sich mit ihren beiden Kindern, meinem Vater und seiner Schwester, drei Jahre lang in Polen auf dem Land versteckt hielt. Im letzten Kriegsjahr hatten die drei in einem Erdloch unter einer Scheune gelebt.

 

Viele Überlebende mit derlei Erfahrungen versuchen menschliche Tragödien eher auszublenden, doch Baba genoss sie in vollen Zügen. Vielleicht war das ihre Art, sich daran zu erinnern, dass sie selbst noch am Leben war, oder sie war es einfach nur gewohnt, die Welt als einen Ort voller Gefahren und scheußlicher Todesarten zu betrachten. Auf meine Frage »Wie ist meine Mutter denn gestorben?« antwortete Baba: »Sie ist nicht einfach nur gestorben! Erschossen hat sie sich!«

 

Ich bin mir sicher, dass mein Vater mir die grundlegenden Informationen bereits geliefert hatte, aber ich kann mich an kein solches Gespräch erinnern. Wenn ich es mir vorzustellen versuche, sehe ich ihn vor mir, wie er steif nach Worten ringt und mich beim Sprechen nicht ansieht. Als würde er denken: Irgendwann muss der Junge es ja erfahren.

 

An Babas Version der Geschichte hingegen erinnere ich mich sehr lebhaft, zumindest an die theatralischen Details der Szene. An ihre schrille Stimme mit dem schweren polnischen Akzent. An den alten Lehnstuhl, in dem sie Hof hielt und sich dabei räkelte wie eine riesige getigerte Katze. An die sturmumtoste Meeresklippe auf dem Ölgemälde über ihrem Kopf, die aussah wie ein menschlicher Schädel. An die vergilbten Zeitungsartikel (darunter einer aus der New York Post mit der Schlagzeile: »Tagebuch gibt Aufschluss über Tod von Schriftstellerin«), die Baba mir überreichte, mitsamt einem Exemplar von Cocktails.

 

Es war die amerikanische Erstausgabe mit der  Bleistiftzeichnung eines Mädchens auf dem Schutzumschlag. Und ich dachte natürlich, dass dieses Mädchen Courtney sein musste, die Hauptfigur des Romans, und dass Courtney Pamela war. Und die Autorin auf dem Schwarzweißfoto, diese riesigen, dunkel umschatteten Augen, auch das war Pamela – meine Mutter.

 

Es ist ausgesprochen eigenartig, mit dreizehn einen grüblerischen, ziemlich hochnäsigen und glühend unabhängigen Teenager zur Mutter zu bekommen, aber ich las trotzdem weiter. Mir gefällt die Vorstellung, dass ich das Buch auch ohne das dramatische Drumherum gemocht hätte. Jedenfalls war ich begeistert davon. Ich habe Cocktails in verschiedenen Momenten meines Lebens wiedergelesen, in denen ich ... nicht direkt Rat brauchte, obwohl es mir vielleicht auch darum ging. Vor allem aber wollte ich mir durch das Wiederlesen etwas Neues in Erinnerung rufen.

 

Als ich als Teenager und junger Erwachsener die späteren Bücher meiner Mutter las, glaubte ich, eine Veränderung in ihrem Schreiben wahrzunehmen. Etwas wie eine Verschiebung von lebendigen Figuren und Szenen hin zum eher Kopflastigen, sogar Zynischen. Ich vermutete, dass Pamela wohl von Adam, meinem Vater, gelernt haben musste, nicht mehr nur auf ihre eigenen Erfahrungen zu vertrauen, sondern sie einer gewissen äußeren Ordnung zu unterwerfen. Ich konnte mir ohne Weiteres vorstellen, wie mein Vater, der Geschichte studiert und sein ganzes Leben lang als Anwalt gearbeitet hat, ihr nach und nach beigebracht hatte, dass ungefilterte Gefühle und Wahrnehmungen nur dann Bedeutung bekommen, wenn sie als Teil eines größeren Ganzen erklärt werden können.

 

Und so kam ich wie von selbst zu dem Schluss, dass mein Vater einen Großteil der Schuld an dem trug, was mit Pamela Moore geschehen war.

 

Dann, als ich in den Dreißigern war und eine Zeit lang in Frankreich gelebt hatte, schickte mir jemand die französische Ausgabe von Cocktails zu, und ich konnte kaum glauben, was ich da vorfand. Der französische Text wich radikal vom englischen Original ab, ganze Szenen waren von meiner Mutter umgeschrieben oder ersetzt worden, und in den neuen Passagen entdeckte ich erste Anzeichen jener Veränderung in ihren späteren Büchern. Und doch war diese überarbeitete »Nouvelle Édition« im November 1956 in Frankreich erschienen, nur zwei Monate nach dem amerikanischen Original. Mit anderen Worten: lange, bevor Pamela Moore und Adam Kanarek sich überhaupt begegnet waren.

 

Irgendwann um 2010 herum fing ich an, mich ernsthaft mit dem Leben und dem Werk meiner Mutter zu beschäftigen. Mein Vater war gesundheitlich schwer angeschlagen, und sein Haus in Upstate New York, voll mit Büchern, Bildern, Papieren und allem möglichen Krimskrams, verfiel zusehends. Er hatte Pamelas gesamtes Archiv nach ihrem Tod aufbewahrt, etwa ein Dutzend Kisten mit Manuskripten, Zeitschriften, Fotos und Briefen, die über das ganze Haus verteilt standen. Er wirkte hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, dieses Papier-Vermächtnis und die Geschichten, die er damit verband, weiterzugeben, und der Angst, dass sie vielleicht nicht recht gewürdigt und verstanden werden könnten. Pamelas letzte Tagebücher hatte er versteckt und war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt je irgendwem zeigen würde. Manchmal drohte er auch damit, alles zu vernichten.

 

Obwohl er immer sehr bereitwillig, fast schon begierig war, von ihr zu erzählen, und ich ihm, vor allem in den späteren Jahren, pflichtschuldigst Fragen stellte, waren mir seine Berichte immer schal vorgekommen, verknöchert geradezu, als wären sie über die Jahre unter den Schichten seiner Grübeleien und vielleicht auch seiner unausgesprochenen Schuldgefühle verschwunden. Um die Geschichte von ihm annehmen zu können, brauchte ich andere Anhaltspunkte. Also nahm ich Kontakt zu Menschen auf, die meine Mutter gekannt hatten, beziehungsweise zu ihren Freunden, Kindern und früheren Kollegen.

 

Ich entdeckte neue Fakten und Geschichten, weitere Haupt- und Nebenfiguren und noch viel mehr Papier.

 

Was geschah wirklich mit Pamela Moore? Zu dieser Frage kamen schon bald viele neue hinzu. Wer war das junge Mädchen, das Cocktails geschrieben hatte? Wie viel von ihr steckt in Courtney, und kann man Erstere besser kennenlernen, indem man von Zweiterer liest? Welche fatale Wendung oder welche Reihe von Wendungen hat aus dem altklugen siebzehnjährigen Mädchen eine verzweifelte sechsundzwanzigjährige Frau gemacht?

 

Jaccard, der Philosoph, der Pamelas Geschichte zum Aufhänger seines Buches über Emil Cioran gemacht hat, irrte in einigen Details. Hemingway hatte tatsächlich eine Schrotflinte gewählt, doch Pamela hatte ein Kleinkalibergewehr verwendet. Sie erwähnt Hemingway in ihrem Tagebuch, schrieb aber kein Buch über ihn. Jaccard war 1978 ganz sicher nicht der Einzige, der noch an sie dachte. Und Pamela Moore hat sich auch nicht entschieden, inmitten des ersten Ruhms, der auf ihr literarisches Debüt folgte, aus der Welt zu scheiden, so wie Otto Weininger, der andere junge Selbstmörder. Sie hat noch drei weitere Bücher geschrieben und acht lange Jahre voller Herausforderungen, Kompromisse und Sinneswechsel durchgehalten.

 

Trotzdem liegt vielleicht doch eine gewisse unheimliche Resonanz darin, dass Jaccard Pamelas Geschichte neben die von Otto Weininger stellt. Der altkluge österreichisch-jüdische Philosoph verdankte seine Bekanntheit einem Buch, das alles, was einen weiblichen Kern besaß, als schwach und unterlegen abqualifiziert. Darunter fällt, in seiner Analyse, auch das Judentum. Nachdem Weininger sich 1903 erschossen hatte, fand sein Buch Bewunderer in so unterschiedlichen Lesern wie Ludwig Wittgenstein, August Strindberg und etlichen hochrangigen frühen Nazis.

 

Ich frage mich, ob nicht auch Pamela etwas abgelehnt hat, das ein Kernbestandteil ihres Wesens war, einen Lebensfunken, etwas wie einen Organismus, dessen Immunsystem die eigenen Zellen zerstört. Womöglich hatte ihre Selbstvernichtung schon lange begonnen, bevor sie tatsächlich den Abzug drückte.


 

Mehr Informationen und Bildmaterial gibt es im Pamela-Moore-Archiv: http://chocolatesforbreakfast.info/the-archives-a-selection/

 

Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels.

 

Das Zitat stammt aus:

Roland Jaccard: »Cioran et compagnie«. Paris: PUF, 2005

COCKTAILS |

Pamela Moore
Pamela Moores »Cocktails«, das Debüt einer Achtzehnjährigen, gehört zu den großen vergessenen Romanen der amerikanischen Literatur. Millionenfach verkauft, avancierte es in den Fünfzigerjahren zum Kultbuch einer Generation. 
PIPER, 304 Seiten, 20,00€ [D]

Buchblog: Am Montag, 07. September 2015 von Kevin Kanarek

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