Buchblog: Am Freitag, 20. Dezember 2013 von Ruth Dugdall

Teaser zu »Stirb mit mir«

Er hatte schon so viele Frauen kennengelernt, die meisten davon per E-Mail. Die Liebe zu finden, ist nie einfach. Doch dann traf David auf Alice.

Bei ihrem zweiten Date fuhren sie zum Strand. Schon nach kurzer Zeit rötete sich seine helle Haut, und er hatte Sand zwischen den Zehen, doch das störte ihn nicht. Wie sollte es auch, da doch Alice neben ihm auf dem sanft gewellten, goldglänzenden Sand lag? Der frische Seetang, der sie umgab, krönte ihr blondes Haar, die Muscheln boten sich als Armbänder an, der blaue Himmel war ihr Baldachin. An diesem Tag drehte sich für ihn alles um Alice – allein ihre Präsenz sorgte dafür, dass er sich glücklich und gesegnet fühlte. Ihre Schönheit war berauschend.„Alles ist so perfekt“, sagte sie, während sie sich die Augen mit der Hand beschattete und sich zu ihm umdrehte. „Das hätte ich nie gedacht.“ Sie blickte wieder nach vorn.

Auch er hatte bisher nicht gewusst, dass ein so überschäumendes und beglückendes Gefühl einen Moment wie diesen perfekt erscheinen lassen konnte.
Sie war da. Sie gehörte ihm. Dann und wann zog eine Wolke über die weißglühende Sonne, war wie eine wohltuende kühle Hand. Auch die Sonne liebte Alice. Sie schien nur für sie und schenkte ihr Diamanten, indem sie das Meer glitzern ließ.
David spürte, wie gestärkt sein dünner, kranker Körper plötzlich schien. Es ging ihm wieder besser, er fühlte sich gesund, heil. Er griff nach ihrer Hand, strich über ihre Finger, die gefeilten Nägel, den glatten, blass-rosa Nagellack.
„Ich liebe dich“, sagte er.
Die Schultern immer noch nach vorn gerichtet, wandte sie den Kopf zu ihm um. Für einen Moment wirkte ihr Blick alarmiert, doch dann zogen sich ihre Mundwinkel nach oben, und sie begann zu lachen. Das Sonnenlicht blendete ihn. Er hob den Arm, um seine Augen zu schützen, und betrachtete ihr Gesicht: die mandelförmigen Augen, die feine Nase, den lachenden Mund. Er küsste sie, brachte sie mit seiner Zunge zum Schweigen, spürte ihre Zunge, die forschend vordrang. Ihr Kuss war tief wie das Meer, ein seliges Versinken.

Am Abend, als es kühler wurde, verabschiedeten sie sich. Er sah ihrem davonfahrenden Zug nach. Als er wieder im Bungalow seines Vaters war, bemerkte er, dass er einen Sonnenbrand hatte. Seine rote, gereizte Haut würde sich schuppen und schälen. Die brennende Sonne war zu viel für ihn gewesen.
Ohne Alice würde es einer jener Abende, an dem die Welt sich abzuwenden und den kleinen Fleck, auf dem er sich befand, zu vergessen schien. Dieses Gefühl hatte er oft, insbesondere seit er in dem Bungalow seines Vaters wohnte, und niemand in der Nähe war, den er anrufen konnte. Er saß da, umgeben von den Dingen, die sein Vater gehortet hatte, in einem Sessel mit ausgeleierten Sprungfedern und abgewetzten Armstützen, und fragte sich, was er in den zwölf Stunden und vierzig Minuten bis zum Beginn seiner Arbeit am nächsten Tag tun sollte. Der Schlaf würde nur wenige Stunden füllen, er war schon immer ein unzuverlässiger Begleiter gewesen und seit der Diagnose noch launischer geworden. Mit einem Seufzer schaltete er den Fernseher seines Vaters ein, der ihm die Wahl zwischen fünf Sendern bot. Es kam der übliche Müll. David ließ den Fernseher laufen und ging in die Küche, um Tee zu kochen.
Es waren nur noch ein paar Tropfen Milch übrig, und der Tee war irgendein billiges Zeug. All diese Dinge musste er in den Griff bekommen, falls er den Bungalow je zu seinem Zuhause machen wollte. Doch ihm fehlte die Kraft. Welchen Sinn hatte es, noch irgendetwas auszusuchen, zu besorgen oder überhaupt in etwas zu investieren, das die Zukunft betraf?
Der Tee hatte die Farbe von Backsteinen angenommen. David kehrte mit der Tasse zum Sessel zurück und zappte sich durch die Sender. Die Gameshow auf dem einen war ihm zu grell, und auf dem nächsten kam die Seifenoper, die seine Mutter so geliebt hatte. Nein, die konnte er nicht sehen. Zu guter Letzt landete er bei einer Reportage, erkannte einen Bahnhof, hörte einen ausländischen Kommentar.
Obwohl er kein Deutsch konnte, stellte David den Ton lauter, war von den gutturalen Lauten und der fremden Sprachmelodie fasziniert, auch von der Landschaft. Jetzt sah man eine Stadt, dann ein Haus. Groß, dunkel und hässlich. Er stellte die Teetasse auf den Teppich und beugte sich vor, um die englischen Untertitel besser lesen zu können. Seine schwachen Augen brauchten eine Weile, um die Sätze zu erfassen, die unten über den Bildschirm liefen. Doch langsam erschloss sich ihm der Sinn.
David spürte die Last der eigenen Sterblichkeit und beugte sich noch weiter vor. Vor ihm entfaltete sich die Geschichte des Kannibalen Meiwes und seines Geliebten. Es ging um die Entscheidung, die diese beiden Männer getroffen hatten – einer von ihnen als williges Opfer. Als der Abspann über den Bildschirm lief, war David weit, weit weg im Reich der Fantasie. Wie im Traum sah er Alice am Strand, bezaubernd und schön, seine neue Liebe.
Was wäre, wenn er sie bitten würde, ihm sterben zu helfen? Was wäre, wenn er ihr Opfer sein würde?


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