Buchblog: Am Mittwoch, 19. November 2014

Rasanter Kurzkrimi »Die schöne Loreley« von Thomas B. Morgenstern

Für die Fans von Hans-Georg Allmers lässt der Autor Thomas B. Morgenstern den Milchkontrolleur in einem Kurzkrimi ermitteln.

Die schöne Loreley
„Erzähl!“, sagte Hella Köhler und schob ihm erwartungsvoll ein Stück Käsekuchen über den alten Küchentisch. Hans-Georg Allmers saß, wo er immer saß, wenn er in Hellas Küche war: in der Ecke der Sitzbank. Dort wartete er auf Kaffee und mindestens eine von Hellas Kuchenkreationen, deren Vielfalt ihn auch nach vielen Jahren noch erstaunte. Heute hatte sie außer dem Käsekuchen noch Nussschiffchen aufgetischt.
„Was soll ich erzählen?“, entgegnete er scheinheilig.
Aber so leicht ließ sie sich nicht foppen: „Noch einen Kaffee?“ fragte sie leichthin, obwohl sie – und das wusste er genau – nach seiner Antwort lechzte.
„Ich bin den Rutenstrom entlang gepaddelt“, sagte er mit vollem Mund und nickte zustimmend, als sie ihm den Kaffee nachschenkte. „Das ist wie im Urlaub. Rechts und links das hohe Schilf, man sieht ein paar Rinder saufen und die Zeit vergeht gemächlich.“
„Und dann?“ fragte sie gespannt.
„Im Hafen habe ich sie entdeckt“, sagte er.
„Die schöne Loreley?“
Er nickte: „Warum heißt, ich meine, hieß sie eigentlich so?“, verbesserte er sich.
Auf diese Frage hatte die alte Bäuerin gewartet. Hella war praktisch blind, aber sie war eine unerschöpfliche Quelle für den allgemeinen Dorftratsch.
„Eigentlich hieß sie Lore“, meinte Hella und setzte sich. „Aber weil sie im Kirchenchor  so schön sang, haben sie alle so genannt. Sie soll auch den einen oder anderen Mann… habe ich gehört.“
„Ich paddelte zum Schlengel“, erzählte Allmers weiter, „da sah ich ihre Hand. Sie ragte aus dem Wasser. Erst dachte ich, es sei eine Puppe, aber als ich näherkam, sah ich, wie ihre Haare im Wasser schwebten. Kein schöner Anblick.“
„Ertrunken?“ fragte Hella. Sie stand auf und füllte den Teller mit den Nussschiffchen wieder auf.
„Ich bin kein Fachmann“, meinte Allmers, „aber es sah so aus.“
„Das glaube ich nicht“, sagte Hella.
„Du bist zu misstrauisch“, meinte Allmers. „Nicht jede Tote ist ein Mordopfer. Außerdem haben die Schneiders ein Boot im Hafen liegen.“
„Da war sie aber nie!“ konterte Hella, „sie hat es gehasst. Sie hat mir im Chor erzählt, dass ihr bei der ersten Ausfahrt mit dem Schiff so schlecht geworden sei, dass sie es danach nie wieder betreten hat.“
„Vielleicht weiß ihr Mann ja mehr, Werner wird ihn sicher befragen.“
„Ich glaube nicht, dass der schnell zu finden ist“, meinte Hella beiläufig. „Würde mich nicht wundern, wenn er …! Die hat ihn doch dauernd …“
„Du sprichst in Rätseln“, sagte Allmers. „Hast du noch ein Stück Käsekuchen?“
„Das weiß doch das ganze Dorf!“ entrüstete sich Hella. „Die hatte doch was mit dem Andreij, dem Erntehelfer. Seit Jahren schon. Immer wenn er im Frühjahr aus Polen kam zum Bäume schneiden, ist sie schwupps mit ihm in die Kiste! Im Herbst kam er wieder zum Pflücken. Würde mich nicht wundern, wenn Klaus mal der Kragen geplatzt wäre!“
 „Du meinst, er könnte nachgeholfen haben?“ fragte Allmers ungläubig und hielt ihr seine leere Kaffeetasse hin. „Jeder“, meinte er, „aber doch nicht Klaus.“
Klaus Schreiber war ein wohlhabender Obstbauer, er hatte den größten Hof im Dorf. Allmers kannte ihn als ruhigen, meist wortkargen Mann, den er ab und zu in der Dorfschmiede getroffen hatte.
„Täusche dich nicht“, warnte Hella, „zu Hause ist er nicht so sanft. Lore ist seine dritte, die beiden anderen sind ihm davon gelaufen. Er sei zu jähzornig, hatten damals beide gesagt. Er hat von der ersten Frau zwei erwachsene Kinder. Florian und Meike. Wieso Lore ihn geheiratet hat, weiß ich nicht. Sie ist ein paar Jahre älter als er…gewesen“.
„Ich glaube, dein Mann ist da“, sagte Allmers bedauernd, stopfte sich ein Nussschiffchen in die Tasche und stand auf.
Friedel Köhler wartete schon ungeduldig auf Allmers, er wollte mit der Milchkontrolle beginnen.
Während der ganzen Melkzeit dachte Allmers über Hellas Verdacht nach. Dass einer untreuen Ehefrau manchmal ein unschönes Ende bereitet wird, war bedauerlich, kam aber vor. Aber Klaus? Normalerweise redete er wirklich nicht viel, doch wenn er einmal in Fahrt gekommen war, dann hatte er gute Geschichten auf Lager. Sein Boot war sein ein und alles. Er verbrachte jede freie Minute auf ihm, oft mit seiner Tochter, die auch eine begeisterte Seglerin war. Diese Zeit schien Loreley anderweitig genutzt zu haben.
Friedel rannte wie immer durch den Stall, brachte Allmers atemlos ein Proberöhrchen nach dem anderen und nannte den jeweiligen Namen der Kuh.
„Er ist auch tot!“ schrie Hella durch den Lärm der Melkanlage. „Friedel, Hans-Georg! Er ist auch tot!“ Sie konnte sich kaum beruhigen. Allmers schob ihr einen Strohballen hin und sie setzte sich.
„Wer ist tot?“ fragte Friedel beiläufig, und gab Allmers das nächste Röhrchen mit Milch. „Elsbet.“
Allmers trug die Milchmenge in sein Formular ein und sah besorgt zu Hella, die schwer atmend neben ihm auf dem Strohballen saß.
„Eben hat er es gemeldet“, sagte sie aufgeregt.
Er hat es gemeldet!, dachte Allmers. Wenn ein Bauer einen anderen fragte, „was er gemeldet habe“, war jedem klar, dass „er“ der Radiosprecher war, der die Wettervorhersage verlesen hatte. Oder die Sprecherin. Diesmal aber andere, schlechtere Nachrichten.
„Wer denn?“ fragte Allmers ungeduldig. „Wer ist tot?“
„Andreij!“ Hella sah zu ihm auf. „Habe ich es nicht gesagt!“
Allmers staunte,  aber Hella hatte einen besonderen Sinn  für Zusammenhänge, von denen andere noch nicht wussten, dass sie existieren könnten.
„Wo hat man ihn gefunden?“
Hella stockte: „Das habe ich vergessen. Und Loreley war auch schon tot, als man sie ins Wasser geworfen hat, sie ist nicht ertrunken. Hat er gemeldet.“
„Dann scheinst du ja recht zu haben“, entgegnete Allmers bewundernd. „ Jetzt muss man nur noch Klaus finden.“
Am schönsten sind die Klischees, die sich bestätigen, dachte Allmers, als er seine Utensilien einpackte. Gehörnter Obstbauer erschlägt den Nebenbuhler und bringt auch noch die Frau um. Klingt logisch, dachte er.
„Morgen um sieben“, sagte Friedel, und Allmers stieg in sein Auto

Abends rief sein Bruder an. Allmers hatte schon damit gerechnet. Werner Allmers war Staatsanwalt in Stade, und bei jedem Gewaltverbrechen in Kehdingen, dem Landstrich nördlich der Kreisstadt, nahm er bei der Aufklärung gerne die Unterstützung seines Bruders in Anspruch. Für Werner Allmers waren die Rollen dabei aber  klar verteilt. Nur durch seine glänzende Intelligenz, so stellte er es immer dar, seien die Fälle aufgeklärt worden. Der Beitrag der Polizei oder gar der seines Bruders waren in seinen Augen minimal.
„Kanntest du das Opfer?“, fragte Werner Allmers.
 „Flüchtig, Hella kannte sie besser“, antwortete der Milchkontrolleur. „Sie kannte Loreley aus dem Chor.“
„Wer ist bitte Loreley?“, fragte der Staatsanwalt und Allmers bemerkte den entnervten Tonfall. Immer wenn er Hella im Zusammenhang mit der Aufklärung eines Verbrechens erwähnte, sah sein Bruder rot.
„Lore, das Opfer. Spitzname: Die schöne Loreley.“    
„Interessant“, meinte Werner gelangweilt. „Und was soll das jetzt damit zu tun haben?“
„Ganz einfach: Sie sang im Kirchenchor und hat den Männern im Dorf den Kopf verdreht. Allen voran Andreij.“
„Dem anderen Toten?“, wunderte sich Werner Allmers. „Wo hast du das denn her?“
„Von Hella“.
„Das sind ausnahmsweise interessante Details von der alten Klatschbase.“
Hans-Georg Allmers wurde wütend: „Ohne die Details der sogenannten Klatschbase wäre der letzte Mord gar nicht aufgeklärt worden!“
Der Staatsanwalt ignorierte seinen Bruder: „ Dann ist doch alles klar. Der Mann war es. Der Tote hat sich übrigens heftig gewehrt, der Mörder muss also ganz schön was abbekommen haben.“
„Hella glaubt auch, dass er es war.“
„Jetzt lass mich doch mit deiner Hella in Ruhe“, polterte Werner. „Wenn sie sowieso alles weiß, soll sie doch die Ermittlungen leiten!“
Das wäre keine schlechte Idee, dachte Allmers, sagte aber nichts.
„Habt ihr den Mann schon gefunden?“
„Wir haben bisher nur die Kinder erreicht. Sie war ja nicht ihre leibliche Mutter, aber es ging ihnen doch sehr zu Herzen. Leider konnten sie uns nicht sagen, wo ihr Vater sich aufhält. Wir schreiben ihn zur Fahndung aus.“

Das frühe Aufstehen war der einzige Nachteil an Allmers Beruf. Es gab Bauern, die begannen um fünf Uhr in der Frühe zu melken, andere, wie Friedel Köhler, immerhin erst um sieben. Allmers musste sich an die Zeiten halten, er nahm einmal am Abend und einmal am Morgen die Milchproben, notierte die gemolkene Menge und schickte alles an ein Labor.
Pünktlich um sieben stand er wieder bei Köhlers im Stall. Danach würde Hella ihm Kaffee und ein gutes Frühstück servieren.
Heute kam sie sogar in den Stall, das machte sie nur, wenn es unbedingt sein musste, so wie gestern Abend. Sie war praktisch blind, ihr Diabetes hatte sie ihr Augenlicht verlieren lassen. Sie war sich der Gefahr immer bewusst gewesen, hatte aber deshalb nicht auf das Backen und den Genuss ihrer Kuchen verzichten wollen.
„Haben sie ihn schon?“, fragte sie.
Allmers schüttelte den Kopf: „Keine Ahnung.“
„Fritz Rahn hat mir erzählt, dass sein Schiff weg ist.“
„Fritz wer?“
„Fritz Rahn, der Hafenmeister“, sagte sie. „Mir ist gestern Abend die Idee gekommen, dass er mit dem Schiff abgehauen sein könnte. Da habe ich Fritz einfach angerufen.“
Sie ist wirklich schneller als die Polizei, dachte Allmers.
„Sie haben ihn zur Fahndung ausgeschrieben. Aber meinst du, jemand flieht mit einem Schiff? Das wäre sehr ungewöhnlich.“
„Die Kinder wissen schon, dass er sich aus dem Staub gemacht hat. Die werden sich freuen, geldgierig wie die sind“, fügte Hella verächtlich an. „Die sind schon lange scharf auf den Hof. Hinter seinem Haus soll doch das neue Baugebiet entstehen, und Klaus wollte nicht verkaufen.“
„Aber selbst wenn er lebenslänglich bekommt“, wandte Allmers ein, „kommen sie doch auch nicht so einfach an seinen Hof.“
„Stimmt“, sagte Hella, „erst wenn er tot ist.“

Mittags holte Allmers bei Köhler die Milkoskope ab, mit denen er die Proben genommen hatte. Es gab Sachertorte und Schweinsohren.
„Er hat sich umgebracht!“, empfing Hella den überraschten Allmers. „Fritz hat mich gerade angerufen. Sie haben seine Leiche am Strand gefunden. Das Boot trieb herrenlos auf der Elbe. Die armen Kinder! Heute Morgen habe ich Florian gesehen, er hatte auch noch einen Unfall. Der Arm ist in Gips und er hat ein blaues Auge. “
Allmers nahm ein zweites Stück Sachertorte und stutzte: „Florian ist verletzt?“
Hella nickte.
„Woher weißt du, dass sich Klaus umgebracht hat?“, fragte Allmers nachdenklich.
„Man hat seine Leiche gefunden, und das Boot trieb auf der Elbe. Da kann man doch eins und eins zusammenzählen, oder?“
„Aber es könnte auch ganz anders gewesen sein. Du sagtest doch, die Kinder seien scharf auf den Hof?  Nehmen wir mal an, der Sohn hat Loreley und ihren Liebhaber umgebracht, und sich dabei seine Verletzungen zugezogen. Und dann hat die Tochter ihrem Vater den Garaus gemacht.“
„Wie soll sie das denn angestellt haben?“, wunderte sich Hella.
„Indem sie ihn auf der Elbe aus dem Boot stößt, zum Beispiel“, sagte Allmers. „Wenn man in der Mitte der Fahrrinne aus einem Boot fällt und niemand hilft, hat bei dieser Strömung der beste Schwimmer keine Chance. Das Boot steuert sie dann ans Ufer, geht an Land und stößt es wieder ab. Und jeder denkt, Klaus hat sich umgebracht, nachdem er die beiden getötet hat. Sehr gut eingefädelt. Wollen wir wetten, dass es so war?“
Hella schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Aber sei´s drum: Die Wette gilt!“
„Und der Einsatz?“
„Lebenslänglich Kuchen.“

Hans-Georg Allmers hat die Wette gewonnen.

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