Buchblog: Am Mittwoch, 19. November 2014

»Quittenqual« ein LandIDEE-Krimi von Katharina Gerwens

Für ihre begeisterten Krimi-Leser hat die Autorin Katharina Gerwens noch ein besonderes Extra: einen Kurzkrimi, der Lust auf noch mehr Bücher von ihr macht!

Quittenqual
„Nein, Benno. Das kann nicht dein Ernst sein! Ich werde doch nicht gegen meine beste und älteste Freundin ermitteln. Was zu weit geht, geht zu weit! Und falls das ein Scherz sein sollte: Witzig finde ich das nicht.“
Franziska Hausmann tigerte mit dem Telefon in der Hand durch ihr Wohnzimmer. Auf dem dunkelroten Plüschsessel saß die graue Katze Bella, gähnte und verteilte feine Haare auf dem Polster. Sie schien genau zu wissen, auf welchen Farben sie die sichtbarsten Spuren hinterließ.
Die Kommissarin lauschte der Stimme am anderen Ende der Leitung. Was sagte Benno da? Sie blieb abrupt stehen und hakte nach: „Spuren, was für Spuren denn?“ Es folgte eine Erklärung, die es in sich hatte.
„Nun halt mal an, Herr Staatsanwalt“, murmelte sie unwirsch. „Ich fass es nicht. Ihr seid ein Paar, und ihr wollt zusammenziehen. Da müsste es doch möglich sein, dass du deine Marie selber fragst, ob sie was mit der Sache zu tun hat.“
Dr. Benno Holdenrieder antwortete lang und ausführlich. Wie immer. Er spickte seine Sätze gern mit „didaktischen Einheiten“, wie Marie zu sagen pflegte.
Franziska schritt über einen blauen Teppich, die Katze verteilte weiterhin graue Haare auf rotem Polster. „Soso, du bist befangen!“ Franziska nickte. „Und was ist mit mir? Ich kenne Marie weitaus länger als du. Was sagt sie denn dazu?“
Erneut ergoss sich ein Wortschwall in gepflegtem Bayerisch über sie. Die Katze reckte sich, und Franziska erstarrte: „Wie, du weißt es nicht? Sie hat dich angerufen, und du hast nicht mal nachgefragt? Es ist nicht zu fassen! Männer! Ja klar kümmere ich mich darum! Ja, sofort.“ Sie legte auf.
„Stress mit Marie?“, fragte Christian. Ihr Mann stand in der Tür und hob die Augenbrauen.
„Wie man‘s nimmt.“ Franziska, die seit gut einem Jahr als Sonderermittlerin für die Staatsanwaltschaft Passau tätig war, zuckte mit den Schultern. „In Maries Dorf ist eine Frau verunglückt, und es sieht ganz nach einem Anschlag aus. Die Kriminaltechnik hat an der Toten Haare von Marie gefunden. Und Benno traut sich nun nicht, sie zur Rede zu stellen.“
„Er zweifelt. Das ist schlecht für die Liebe!“, meinte Christian und klang dabei fast ein wenig theatralisch.
Franziska sah ihn lange an. „Dass die auch immer so ein Pech mit den Männern haben muss! Und grad bei Benno hab ich gedacht: Da haben sich jetzt zwei gefunden!“
Er lächelte schief: „Du meinst, endlich mal einer, der nicht nur auf ihren Busen starrt, sondern gemeinsam mit ihr unter dem Traktor liegt?“
Die Kommissarin nickte. Ihr Mann hatte es mal wieder auf den Punkt gebracht. Neben ihrer Begeisterung für das ländliche Leben hatte Marie die nicht gerade häufig anzutreffende Leidenschaft, Landmaschinen der Firma Fendt zu lieben, zu sammeln und zu reparieren. Und auch wenn Benno Holdenrieder weitaus mehr Maschinen besaß als seine Freundin, so war sie doch diejenige, die sich besser in die Seelen der Traktoren einfühlen konnte. Benno behauptete sogar, die Maschinen würden schnurren wie ein Kätzchen, sobald sie ihre Hand auf den Motor legte. So war aus dem anfänglichen gemeinsamen Hobby schnell ein vertrautes Miteinander geworden.
„Du hättest ihr damals doch nicht den Knecht davonjagen sollen“, murmelte Christian jetzt. „Dann hätte sie jetzt kein g‘schlampertes Verhältnis mit einem Staatsanwalt und könnte ihrem Dorfpolizisten alles als Unfall verkaufen.“
„Ich fass es nicht! Du tust ja grad so, als würdest du ihr einen Mord zutrauen.“ Franziska schüttelte den Kopf. „ Ich kenne Marie. Sie hat nichts damit zu tun.“
„Ich hoffe es.“ Christian hob die Katze aus dem Lehnstuhl und fragte gleichermaßen Bella als auch Franziska: „Wieso setzt die sich immer auf meinen Lieblingsplatz, wenn ich schwarze Cordhosen trage? Ihretwegen lauf ich den ganzen Tag mit einem weißen Hintern rum.“
„Erstens ist das ihr Sessel, zweitens trägst du immer dunkle Cordhosen und drittens macht sie sich so zu deiner Partnerin. Zwei Grauärsche halt.“ Missmutig schlüpfte Franziska in ihre Winterstiefel. „Aber zurück zum Thema: Da ist vor Kurzem eine Neue nach Eckersöd gezogen. Eine, die sich für was Besseres hält“, murmelte sie. „‚Arrogante Tusse’ hat Marie die genannt.“
„Und?“ Christian legte den Kopf schief.
„Grad die ist jetzt tot.“
„Man kann an Arroganz sterben? Endlich mal eine gute Nachricht!“
„Sei nicht albern! Sie ist in eine Fallgrube gestürzt und hat sich das Genick gebrochen.“
„Und du meinst, unsere Marie hat ihr die Grube gegraben?“
„Nein, aber Benno scheint das zu befürchten. Er will, dass ich in diesem Fall besonders sorgfältig ermittle. Wenn er sie wirklich liebt, darf er nicht zweifeln! So sehe ich das!“
„Und die Tote?“
„War früher Büroleiterin, hat dann Charity-Projekte ins Leben gerufen und alle Landfrauen zur moralischen Mitarbeit verdonnert. Marie hat sich da rausgehalten.“
Christian bürstete sich Katzenhaare von der Hose. „Alles andere hätte mich auch sehr gewundert. Vielleicht hat sie sie ja doch in die Grube geschubst?“
„Natürlich nicht. Also, ich fahr jetzt mal los. Offensichtlich werden alle elf Dorffrauen in Zwiesel auf der Wache festgehalten. Von dort hat Marie bei Benno angerufen.“
Ihr Mann sah besorgt aus dem Fenster. Draußen fiel eine Mischung aus Schnee und Regen. Die Straßen waren mit grauem Matsch überzogen. „Soll ich mitkommen?“
„Nein“. Franziska schüttelte den Kopf. „Das ist Frauensache. Ich werde mit allen elfen sprechen.“ Wie sich das anhörte: Elfen … märchengleich. Sie griff nach dem Autoschlüssel und lächelte über sich selbst.

Elfenhaft war keine der Frauen, die im Aufenthaltsraum der Zwieseler Polizei auf sie warteten. Obendrein wirkten sie übernächtigt und schlecht gelaunt. Kein Wunder! In dem Zimmer roch es nach Kaffee und kaltem Rauch. Vermutlich hatte sich die eine oder andere heimlich eine Zigarette angezündet, auch wenn das verboten war. Franziska hängte ihren Mantel an die Garderobe. Sie wandte sich an den jungen Polizisten im Raum und bat ihn, sie mit den Frauen allein zu lassen.
„Freilich. Ich hole Ihnen derweil einen Kaffee“, antwortete dieser.
„Ich muss heim und die Kühe melken“, ergriff eine Grauhaarige das Wort, kaum hatte der Uniformierte den Raum verlassen.
„Und ich kann nur hoffen, dass mein Mann die Hühner raus lässt“, jammerte eine andere und kratzte sich den Kopf.
Franziska suchte Maries Blick. „Danke“, schien der zu sagen, „danke, dass du gekommen bist.“
Resolut rückte die Kommissarin sich einen Stuhl zurecht und sah in die Runde: „Meine Damen, verstehen Sie mich nicht falsch, aber Kühe, Hühner und sonstiges Getier sind augenblicklich Ihr kleinstes Problem. Ihr echtes Problem heißt Ilse Stögbaur.“
„Das kann man wohl sagen, dass die ein Problem ist“, zischte es von hinten. „Eine solch eine hinterhältige Matz!“
„Wieso?“ Franziska merkte auf.
„An der Nas’n rumg‘führt hat s’ uns halt!“ Alle Frauen nickten, nur Marie lächelte schief.
„Kann ich das bitte etwas genauer haben?“ Franziska sah in die Runde der meist stämmigen und kerngesunden Bäuerinnen zwischen vierzig und sechzig, deren Gesichter ihr von den Besuchen bei der Freundin vertraut waren; schließlich handelte es sich um Maries Nachbarinnen.
„Es geht um die Quitten“, gestand die, deren Mann länger als die Hühner schlief.
„Genauer gesagt geht es um ein Rezept“, pflichtete Marie ihr bei. „Die Stögbaurin hatte zu einem Konfekt-Wettbewerb geladen – als Vorgeschmack auf den Weihnachtsmarkt; dort sollten unsere Pralinen für einen guten Zweck verkauft werden. Ihr Naschkram war aus Quitten. Und köstlich.“ Sie bedachte die Frauen mit einem strengen Blick. „Es war wirklich gut. Da könnt ihr sagen, was ihr wollt.“
„Ihrs schon!“, raunte eine aus der hinteren linken Ecke. Die anderen schwiegen.
„Wir wollten dann das Rezept“, erklärte eine andere.
„Und?“ Franziska wusste nicht, was sie davon halten sollte.
„Wir haben es auch bekommen.“
„Und uns dann zusammengetan. Wissen Sie eigentlich, was für eine Arbeit das ist? Quitten?“ Die jüngste der Frauen wandte sich so vorwurfsvoll an Franziska, als habe die persönlich dieses Obst kreiert. „Erst muss man den Flaum von den Früchten reiben, hart wie Stein sind die, wenn man sie zerteilt. Dann muss das Kerngehäuse rausgepuhlt werden. Es war kein gutes Quittenjahr, wir haben tagelang daran gearbeitet und mehr als dreißig Kilo aufgekocht, das Ganze dann Ewigkeiten durch Leintücher abgeseiht und die Flüssigkeit zu Gelee verarbeitet. Das Mus war dann Basis für die Pralinen.“ Sie klang verbittert.
Franziska seufzte innerlich, ihr war wahrlich nicht nach einem Gespräch über Rezepte zumute.
„Wir haben uns an ihre Vorgaben gehalten“, fuhr eine andere fort. „Auf das Gramm genau. Wir haben Sojasoße und Koriander hinzugefügt und das glatt gestrich’ne Mus eine Woche lang in Öfen zu festen Platten gedörrt. Gerochen hat es gut. Im ganzen Haus. Aber als wir es probierten …“, sie schüttelte sich. „Furchtbar! Wie billige Seife: schlammig, schleimig, altölmäßig.“
„Ihre waren fruchtig, süß, pfefferminzig und zitronig im Abgang, unsere braunverschmiert mit Altölaroma“, ergänzte eine andere. „Zwei Wochen Arbeit – Tag und Nacht. Und alles für die Katz!“
„Ilse fand das lustig, sie hatte uns nämlich absichtlich ein falsches Rezept gegeben“, fügte eine wütende Stimme hinzu. „Sehr komisch, oder?“
„Und was ist dann passiert?“ Franziska wusste immer noch nicht, was sie davon halten sollte.
„Wir mussten unseren Männern gestehen, dass wir sie für nix und wieder nix um den Quittenschnaps gebracht hatten – das schöne Obst und die ganze Arbeit: alles für den Kompost.“
„Aber wegen eines falschen Rezepts bringt man doch niemanden um!“, empörte sich Franziska. „Und auch nicht wegen Schnaps.“
„Sie ist tot?“ Die Frauen wichen zurück. Alle, bis auf Marie. Franziska nahm es verwundert wahr. Und sie erschrak. Streng wollte sie wissen: „Also, was habt ihr gemacht?“
Eine von den elf zündete sich eine Zigarette an und riss das Fenster auf. Schnee stob in den überheizten Raum. „Nix!“
„Und wieso war dann mitten auf dem Stifterweg eine Fallgrube? Abdeckt mit dünnen Sperrholzbrettern? Und darüber altes Laub?“ Franziska klang betont sachlich. „Da ist die Stögbaurin dann hineingefallen und hat sich das Genick gebrochen. Habt ihr die Grube gegraben?“
Kopfschüttelnd sahen die Frauen sich an. Marie stand blass und mit verschränkten Armen am Rande der Runde.
„Wann ist das passiert?“, fragte die Grauhaarige.
„Der Gerichtsmediziner schätzt siebzehn Uhr. Etwa zu der Zeit, als es gestern zu schneien begann.“ Franziska ging auf Marie zu. „Du weißt doch was!“
Marie nickte. „Ich hab sie schreien hören, nur einen einzigen spitzen Schrei. Also bin ich zu ihr gelaufen und hab versucht, sie zu reanimieren. Aber es war schon zu spät. Und dann hab ich die Polizei gerufen.“
„Und weiter?“
„Die wollten wissen, wer die Tote kannte. Und ich Depp sag auch noch: ‚Alle Frauen aus dem Dorf.’ So sind wir hier im tiefsten November auf der Wache gelandet. War keine schöne Nacht, wenn du mich fragst. Was sagt denn Benno dazu?“
„Dass ich euch rausholen soll. Vor allem dich.“ Franziska legte Marie eine Hand auf den Arm.
„Du weißt, dass wir es nicht waren?!“
„Ja.“
„Aber er hat gezweifelt?“
„Er will nur, dass besonders sorgfältig ermittelt wird.“
„Aha.“ Maries Stimme klang traurig und enttäuscht. „Er würde es mir also zutrauen.“

Die Kommissarin sollte noch einige Wochen in diesem Fall ermitteln. Letztendlich gestanden vier Neunjährige, die Grube gegraben zu haben. Sie hatten dem Krampus eins auswischen wollen, der traditionsgemäß am Nikolaustag über den sonst nie benutzten Stifterweg ins Dorf kam. Warum ausgerechnet die Stögbaur Ilse an diesem Spätnachmittag, beladen mit Eiern und Puderzucker, auf diesen Umweg geraten war, wusste niemand, auch wenn Marie so ihre Theorien dazu hatte und in den nächsten Jahren immer mal wieder kryptisch anzudeuten pflegte, dass genau das mit Leuten passierte, die vom rechten Weg abgekommen waren.

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