Buchblog: Am Montag, 14. April 2014 von Gisa Pauly

Mamma Carlotta und die Malerei

Mamma Carlotta macht mal wieder Urlaub auf Sylt und wie es der Zufall will, erinnern sie die Begebenheiten im Krimi »Strandläufer« an eine Geschichte, die sich einmal in ihrem Heimatort Pandomino zugetragen hat:

 

>> Eine Frage des Geschmacks

In meinem Dorf in Umbrien gibt es un pittore. Einen Maler, Sie verstehen? No, kein Anstreicher! Den haben wir natürlich auch. Allora … ich meine einen Maler, der schöne Bilder pro-duziert. Viel schöner als die von Boy Lindegard, von dem im Buch »Strandläufer« die Rede ist. Der malte nämlich abstrakt, das hat mir meine Enkelin genau erklärt, und das gefällt mir nicht besonders gut. Tachismus, hat Carolina gesagt, heißt es, wenn der Maler nicht malt, was er sieht, sondern das, was er fühlt. Terribile! Wenn er wütend ist, knallt er die Farben auf die Leinwand, ist er gut gelaunt, streicht er sanft mit dem Pinsel hin und her, und das in fröhlichen Farben, wenn er sich verliebt hat. Aber sobald die Liebe vorbei ist, kleckst er graue Farbe darüber oder krakelt alles mit roten Blitzen und schwarzen Kreisen voll. Das soll Kunst sein? Non. Mai! Ricardo, der Maler in meinem Dorf, arbeitet ganz anders. Er malt Vasen mit blühenden Blumen, Obstschalen mit Weintrauben und Pfirsichen und viele Bilder von unserer schönen Landschaft.


Alle Bewohner unseres Dorfes lieben Ricardos Bilder, es gibt kein Haus, in dem nicht mindestens ein Gemälde von Ri-cardo hängt. Leonarda war die Einzige, die Ricardos Bilder nicht mochte. Vielleicht lag das daran, dass sie nicht in Panidomino geboren und aufgewachsen war. Sie hat am Comer See gewohnt, ehe sie Sandro kennenlernte, der damals gerade die Wäscherei seines Vaters übernommen hatte. Seinetwegen war sie nach Panidomino gekommen, und zunächst dachte man, sie wären verlobt, doch das erwies sich schnell als Gerücht. Verliebt waren sie aber ganz sicher, das fiel sogar Signora Fantonello auf, die von Liebe nichts mehr wissen wollte, seit sie von ihrem Mann verlassen worden war.
Ach, es war schön zu sehen, wie Sandro alles tat, um Leonarda eine Freude zu machen. Er schenkte ihr Blumen, führte sie zum Essen aus und half ihr sogar bei der Wäsche. Als sie Geburtstag hatte, rechneten alle damit, dass er ihr einen Ring schenken würde. Aber Sandro sagte, er habe sich etwas viel Besseres ausgedacht. Madonna, das hatte er wirklich! Ein wunderbares Geschenk! Fantastico!

Er bat Ricardo, ein Bild zu malen. Extra für Leonarda! Man stelle sich das vor! An dem Tag vor ihrem Geburtstag traf ich Sandro zufällig. Er kam aus Ricardos Atelier und trug etwas Großes, Viereckiges bei sich. Zweifelsohne ein Gemälde! Aber natürlich unter einer Decke verborgen, damit niemand das Bild sah und Leonarda etwas verriet. Mir hat er es aber doch gezeigt. Sandro weiß ja, wie verschwiegen ich bin. Veramente! Vor allem, wenn es um Amore geht, sind meine Lippen versiegelt.
Das Bild war … meraviglioso! Viele rote Herzen vor einem wolkenlosen Himmel, dazwischen ein paar weiße Tauben, eine davon mit einem Brief im Schnabel. Ein Firmament der Liebe! Darunter der Berg, auf dem Panidomino liegt, und in der Ecke rechts unten ein paar Weinflaschen von Signor Rometti, dem Besitzer des größten Weinbergs in der Gegend. Er verwendet auffällige blaue Etiketten, an denen der Wein aus seiner Produktion sofort zu erkennen ist. Gelegentlich schenkt er Ricardo eine Leinwand oder ein paar Eimer Farbe, damit seine Schaffenskraft nicht versiegt, und Ricardo sorgt als Gegenleistung dafür, dass Signor Romettis Wein überall bekannt wird. Aber wenn man das vergisst, stören die blauen Etiketten nicht weiter. Das Bild war ein Meisterwerk, so viel war klar.

Sandro kehrte am nächsten Tag mit stolzgeschwellter Brust von Leonardas Geburtstagsfeier zurück. »Hat sie sich gefreut?«, habe ich ihn gefragt, obwohl diese Frage natürlich überflüssig war. Welche Frau freut sich nicht über ein solches Geschenk, über ein Bild, das nur für sie gemalt worden war!
Aber dann wurde ich zufällig Zeuge eines Telefongesprächs. Leonarda lief mit ihrem Telefonino durch den Weinberg von Signor Rometti, während ich ein paar Rebstöcke weiter den Weg zum Olivenbauern einschlug. Was konnte ich dafür, dass ich jedes Wort verstand? Keiner kann mir vorwerfen, ich hätte gelauscht. Mio Dio, sie hätte ja auch leiser reden können … Aber laut und vernehmlich hat sie von Kitsch gesprochen und davon, dass sie ein derart hässliches Bild in ihrem Leben noch nicht gesehen hätte. Sie müsse sich sogar überlegen, ob sie mit einem Mann, der einen derart schlechten Geschmack bewiesen habe, überhaupt zusammen sein wolle. Madonna, wie kann man nur so undankbar sein! Ich konnte Leonarda wirklich nicht verstehen!

Lange habe ich überlegt, ob ich Sandro die Wahrheit sagen sollte. Aber ich entschloss mich dann doch zu schweigen, obwohl mich jedes Mal, wenn ich ihn traf, Zweifel überkamen, ob ich richtig handelte. Dann aber vergaß ich die Angelegenheit, weil eine andere Sensation unser Dorf aufrüttelte: Bei Leonarda war eingebrochen worden! Jemand war über ihren Balkon in die Wohnung eingedrungen und hatte das schöne Bild gestohlen, das Ricardo extra für sie gemalt hatte. Sonst war noch alles an seinem Platz, der Dieb hatte es augenscheinlich auf dieses Bild abgesehen.
Ricardo erhöhte daraufhin die Preise für seine Gemälde, weil er fand, dass dieser Diebstahl ein Beweis dafür war, wie hoch seine Kunst geschätzt wurde. »Wenn ich tot bin, Carlotta«, sagte er zu mir, »wird das Stillleben über deinem Sofa Tausende wert sein. Vielleicht sogar Millionen.«
Ich liebe das Bild mit den roten Tulpen in der goldenen Vase, aber … Millionen? Das konnte ich nicht recht glauben.


Von allen Seiten wurde Leonarda tiefes Mitgefühl entgegengebracht. Sogar die Polizei kam zu ihr und sicherte ihr zu, alles zu tun, um den Dieb zu fangen. Aber es gab keine Spuren und keine Verdächtigen, und so musste Leonarda sich damit abfinden, dass Sandros wunderbares Geschenk verloren war. Sie beteuerte überall, dass der Verlust ihr das Herz zerriss, dass sie aber stark sein müsse und sich damit abfinden wolle. Doch dass Leonarda von Kitsch gesprochen hatte, konnte ich noch nicht vergessen, obwohl ich mir große Mühe gab.

Ein Jahr verging, und noch immer waren Leonarda und Sandro nicht verheiratet. Es hieß, er habe schon einige Anträge gemacht, aber Leonarda bisher nur mit »vielleicht« geantwortet. Warum sie zögerte, konnte niemand verstehen.
Dann stand wieder ihr Geburtstag vor der Tür. Was würde sich Sandro diesmal einfallen lassen, um Leonardas Herz zu erobern? Zum Glück waren auch alle Nachbarinnen eingeladen worden und eine wie die andere besonders pünktlich erschienen. Jede wollte dabei sein, wenn Sandro kam und sein Geschenk überreichte. Würde es diesmal ein Verlobungsring sein?
Ich blickte zufällig aus dem Fenster, als er aufs Haus zukam. In den Händen hielt er ein großes, in Geschenkpapier gewickeltes Viereck. Mich beschlich ein banges Gefühl, und Leonarda schien es ähnlich zu gehen. Sie wurde blass, als sie Sandro die Tür öffnete, und fragte, kaum dass er sie umarmt, geküsst und ihr gratuliert hatte: »Was ist das für ein Geschenk?«
Sandro lächelte geheimnisvoll. »Darauf kommst du nie.«
Leonarda allerdings sah so aus, als käme ihr durchaus eine Ahnung. Und ich bin sicher, dass ich außer ihr die Einzige war, der ebenfalls etwas schwante.
Als Leonarda das Geschenkpapier entfernt hatte, sank sie blass und zitternd in einen Sessel. Sandro glaubte natürlich, dass sie von Freude überwältigt worden war, und behandelte sie wie eine Schwerkranke. Vorsichtig nahm er ihr das Bild ab und hängte es auf den Haken, den er vor einem Jahr für eben dieses Bild in die Wand geschlagen hatte. Die roten Herzchen, die weißen Tauben, unser Dorf auf dem Berg und Signor Romettis Weinflaschen – alles wie vor einem Jahr.
»Anscheinend hat der Dieb es gleich an den nächsten Kunsthändler verkauft«, klärte Sandro seine Liebste auf, die immer noch fassungslos dasaß. »In Città di Castello habe ich es zufällig bei einem Antiquitätenhändler entdeckt und zurückgekauft. Der Inhaber des Ladens wollte mir nicht verraten, woher er es hatte, aber das muss man wohl verstehen. Er will natürlich nicht zugeben, dass er Diebesgut verkauft.«
»Du hast es zweimal bezahlt?«, flüsterte Leonarda.
Sandro griff nach ihrer Hand. »Du weißt ja, dass mir für dich nichts zu teuer ist.« Und dann sank er vor ihr auf die Knie und machte ihr einen weiteren Heiratsantrag, diesmal in der sicheren Erwartung, dass sie ihn annehmen würde.
Alle Nachbarinnen suchten schon nach ihren Taschentüchern, Leonardas Mutter kam aus der Küche und begann zu weinen, ihr Vater suchte bereits nach einer gut gekühlten Flasche Sekt … da sagte Leonarda: »Nein!« Es gäbe unüberbrückbare Differenzen, erklärte sie zum Entsetzen aller, sie hätten in wichtigen Dingen einen unterschiedlichen Geschmack. Ich glaube, ich war die Einzige, die verstand, was sie damit meinte.

Schon zwei Tage später zog Leonarda an den Comer See zu-rück. Was aus dem Bild geworden ist? Ich weiß es nicht. Wenn Leonarda es auch Kitsch genannt hat, ich wünsche dem Bild trotzdem nicht, dass es ihm so ergeht wie dem Gemälde von Boy Lindegard. »Strandläufer« hieß es – so wie das Buch – und es hat ein schreckliches Schicksal erleiden müssen.

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