Ist Shakespeare tot?



Buchblog: Am Freitag, 25. März 2016 von Leander Haußmann

 

William Shakespeare aus Stratford-upon-Avon soll kein Dichter gewesen sein? Leander Haußmann liebt Mark Twain, kann ihm aber in seiner Ansicht über den großen englischen Dramatiker nicht ganz folgen und schreibt ihm einen Brief:

 

 

Lieber Mr. Twain,


ich liebe Sie seit langer langer Zeit. »Tom Sawyers Abenteuer«, »Ein Yankee an König Arthurs Hof“, »Prinz und Bettelknabe«, alles waren, wenn ich in die Volksbücherei trabte, immer sichere Entscheidungen, Spannung und Amüsement waren garantiert, naja, und »Huckleberry Finn«, im Grunde ein nicht übersetzbares Buch, wo man sich immer wieder fragte, was denn dieser Berliner Junge um Himmelswillen da am Mississippi zu suchen hat. Das lag natürlich an der Übersetzung, die dem Original bei weitem nicht genügen konnte, dieser Südstaatenakzent in berlinerischer Diktion - aber mir war das völlig egal! Die Geschichten, die Sie zu erzählen haben, waren einfach neben Stevenson und Dickens das Wunderbarste, was mir als junger Leser passieren konnte. Dass dieses Buch nebenbei als Meilenstein der amerikanischen Literatur galt, konnte mir egal sein, wenn ich mit einem selbstgebastelten Floß die Erpe (einem kleinen Flüsschen genau vor
unserer Haustür) herunterfuhr, die direkt in der Müggelspree mündete und dann noch ein Stückchen weiter bis an die Grenze des Erlaubten, so dass man gerade noch zurückschwimmen konnte, wenn die lose zusammengebundenen Holzplanken sich langsam auflösten, in der Spree versanken und meine Kumpels und ich mit letzter Kraft das Ufer erreichten, erschöpft, aber glücklich.


Dieses war eben auch Ihre Kraft, Mr. Twain, die über die Jahrzehnte bis in unser Jahrhundert hinein, unsere Herzen erreichte. Ihre Persönlichkeit, die sich mit uns jungen Abenteurern verband, die gefangen waren in bürgerlichen Strukturen und deren Phantasie sich erhob und über jeden Latten- oder Grenzzaun flog, machte Sie zu unserem Leidensgenossen, zu unserem engstem Vertrauten, und war für mich mehr als prägend: das Unpädagogische, dieser Tom Sawyer, ein Junge durch und durch, ein Horror für jede Feministin.

II
Ich schicke diese Elogen voran, lieber Mark Twain, um Sie mir für das, was ich noch zu sagen habe, gewogen zu machen. Denn ich werde Ihrer Theorie zur Hälfte widersprechen müssen und wage mich dabei heraus aus der Deckung meines gefährlichen Halbwissens, in dem jeder gefangen ist, wenn er sich mit einer Person beschäftigt, die es wahrscheinlich gar nicht gab, weder als Francis Bacon noch als irgendwer sonst. Ich glaube nämlich, William Shakespeare, das waren viele, sehr viele – was diesen Mann direkt ins Religiöse, direkt in das  Sakrale hinaufhebt, in den Bereich der Anbetung, und da kommt das unwissenschaftlichste Wort von allen ins Spiel: Glaube.

III
Ich glaube, »Shakespeare« ist eine geniale Schauspielertruppe gewesen, die diese Stücke spielte und vervollkommnete und durchaus über ein Repertoire an Wissen verfügte. Ich weiß, dass diese im bildungsbürgerlichen Verständnis oft keinen Platz in der Vorstellung hat, dass es doch Menschen gegeben habe, die historisch und in den überlieferten Legenden durchaus bewandert waren. Shakespeare war, wie wir heute sagen würden, bildungsfern. Aber es sind gerade die »Bildungsfernen«, die Zeit, Muße und Interesse an Geschichten haben. Was uns heute die Serie, in ihren epischen Ausmaßen und Verästelungen ist, das war damals dem Menschen wahrscheinlich die Antike und die Historie, die Schlachtenerzählungen und so weiter. Außerdem stelle ich mir gern vor, dass in der Arbeit an einem neuen Stück auch entsprechend recherchiert wurde: dass Shakespeare so eine Art writers room war. Mr. Twain, ich bitte Sie, wer heißt schon Shakespeare!
Wenn ich mir Shakespeare und all die Schriften, die vor und nach Ihrer Zeit über ihn geschrieben wurden, vorzustellen versuche, wird mein Gehirn so staubig wie diese Schwarten, und ich muss an den großen Satz in eben jenem erwähnten Buch denken: »Hundert Meter Lattenzaun, das Leben schien ihm sinnlos und das Dasein eine Last.«


Wenn man also alleine nur die kilometerlangen, blau eingebundenen mit goldener Schrift geprägten, jetzt mal nur von der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft herausgegebenen Bände denkt, könnte man auch frei mit Claudius aus Hamlet ausrufen: »O schwere Last, er kommt, ziehn wir uns zurück!«
Es scheint so, als würde, je weniger man über jemanden weiß, desto mehr über ihn geschrieben.
Ich darf Ihnen versichern, lieber Mr. Twain, dass man seit Ihrem Ableben - und das ist ja nun auch schon über hundert Jahre her – dieser leidigen Diskussion, ob es IHN nun gab oder nicht, kaum einen Schritt vorangekommen ist.


Mit Shakespeare ist es wie mit Gott. Es gibt ihn nicht. Und es gibt ihn doch. Außer seinen Schriften und den Darstellungen, die trotz des zweiten Gebots »Du sollst dir kein Abbild machen von mir« massenhaft und in unterschiedlichster Qualität existieren, gibt es nichts. Eines haben diese Bilder gemeinsam: auf allen trägt der liebe Gott einen Bart. (Wie der Weihnachtsmann) Bei Shakespeare ist das praktisch der Ohrring. Nun gab es bisher ja nur dieses eine Bildnis von Mr. Shakespeare, auch dieses mehr im Bereich der Behauptung als in wissenschaftlicher Verbürgtheit. Vor einiger Zeit ist nun ein zweites Bildnis aufgetaucht, das für sich das Recht in Anspruch nimmt, Shakespeare darzustellen. Um mich vor jeglicher Verwirrung zu schützen, sage ich: auf beiden, absolut unterschiedliche Männer darstellenden Gemälden sehen wir zwei Männer aus dem writers room mit Namen Shakespeare. Ihr Zeichen war der Ohrring, ein Zeichen des fahrenden Volkes.

IV
Jetzt würde ich gerne Ihr Kapitän auf dem Schiff sein, Mr. Twain, mit dem wir den Mississippi herunterdampfen, denn eines ist klar - die Beschäftigung mit Shakespeare ist ein herrlicher, wenn auch sinnloser Zeitvertreib. Aber jeder gute Zeitvertreib ist sinnlos, und es gibt ja die Apostel, die die Bibel geschrieben haben. Also mehrere. Aus verschiedenen Perspektiven.


Shakespeare teilt sich auf in verschiedene Autoren, die auch selbst geschrieben haben. Wir wissen, dass die Quartos aus verschiedenen Fassungen zusammengetragen wurden. Wir wissen, dass die Schauspieler damals ihre Rollen bekamen, also Papierollen, auf denen wirklich nur ihre Charaktere waren, die sie zu spielen hatten. Das ganze Stück hätte man nur lesen können, wenn man von jedem einzelnen Schauspieler die Papierrollen eingesammelt hätte. Da, wie wir wissen, auch Shakespeares Werk ein Konglomerat aus Diebstählen geistigen Eigentums ist, hat man natürlich seinerzeit streng darauf geachtet, dass keine Information über dieses Stück nach außen dringt, denn damals ging es natürlich vornehmlich im Theater um die Verbreitung dessen, was wir heute Plot nennen, eine heutzutage im Theater leider aus der Mode gekommene Dienstleistung am Zuschauer. Wenn wir uns anschauen, wie heutzutage Drehbücher geheim und unter strengsten Auflagen verbreitet werden, manchmal übrigens auch nur die Rollen, kann man sich vorstellen, wie aus von mehreren Autoren geschriebenem Material in den Vorstellungen durch Improvisation und Interaktion der Schauspieler mit den Zuschauern ein perfektioniertes Material am Ende zu dem profunden Werk wird, von dem man sich so schlecht vorstellen kann, dass es aus der Feder des Mannes stammt, von dem man glaubt, er sei mit Shakespeare identisch.


Ich weiß, Sie, Mr. Twain, würden das gerne an Sir Francis Bacon festmachen, der für sie alle Voraussetzungen eines in allen Wissensgebieten bewanderten aus höchsten Kreisen stammenden Dichters hat. Aber lassen wir Bacon sein Werk - es ist so groß wie er, aber es steht im Schatten Shakespeares. Und da wollen wir es lassen. Denn Shakespeare ist der Name für etwas, das neben der Dichtung, der Dramaturgie und den Charakteren eben auch von seiner Genialität erzählt und das eben seine Stücke bis heute spielbar macht: sein praktisches Wissen um die Mechanik des Theaters. Das kann nicht vom einem Mann alleine stammen, das stammt – rufe ich Ihnen ins Jenseits zu – von einer ganzen Theatergeneration.


Wer Shakespeare einmal inszeniert oder gesehen hat, und ich kann das mit Fug und Recht von mir behaupten, dem kann eine Sache nicht entgangen sein: die exorbitante Länge und die dramaturgisch verschlungenen Geschichten seiner Stücke.
Sehen wir uns den »Sommernachtstraum« an. Man könnte sagen, eine Meisterleistung der Dramaturgie, eine geradezu mathematische Lösung der Zusammenführung verschiedenster Erzählstränge. Daran kann sich jeder Berliner Verkehrsplaner mal ein Beispiel nehmen. Alleine der »Sommernachtstraum« hat, glaube ich, fünf verschiedene Erzählebenen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, aber ich behaupte, neben der Tatsache, dass es durchaus verzichtbare Handlungsstränge gibt, muss man Prioritäten setzen, die jeden Shakespeare-Puristen vor Entsetzen erstarren lassen würden, ob des Frevels an dessen Werk, dem man sich stellen muss, wenn man die Aufmerksamkeit des Publikums nicht verlieren will. Vieles spricht dafür, dass die Komplexität dieses Stückes das Ergebnis der Arbeit zahlreicher Schauspieler und Beteiligter ist.


Der »Sommernachtstraum« ist nur ein Beispiel unter vielen, lieber Mr. Twain, aber bei ihm will ich’s nun belassen. Und Ihnen von Herzen danken für dieses Büchlein, für »Ist Shakespeare tot?«, denn es hat mich dazu gebracht, mich mit IHM und Ihnen zu beschäftigen, mit dem Theater  und mit meiner frühen inspirierenden Lektüre von »Tom Sawyer« und dem »Sommernachtstraum«.

Ihr Leander Haußmann


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