Buchblog: Am Donnerstag, 20. November 2014

Interview mit dem Haupt-Protagonisten Horfax aus »Der Kampf des Jahrhunderts«

Ein Reporter hatte die Chance, den selbsternannten Gott Horfax bei einer Presseaudienz im Herrscherpalast zu interviewen. Folgende interessanten Fakten konnte er dem Alleinherrscher und Tyrannen entlocken:


Das unterirdische Schattenkobold-Reich Arkzul gilt nicht unbedingt als Musterbeispiel für Pressefreiheit. Hier ist nur eine einzige Meinung zugelassen, und zwar die des Alleinherrschers und Tyrannen Horfax von Grymmenstein, der erst jüngst von sich reden machte, als er sich zum Gott ausrufen ließ.
Um seine Gottgleichheit vor den Augen des ganzen Volkes unter Beweis zu stellen, wird der König nächste Woche im großen Kolosseum seines Reiches persönlich gegen einen Untertanen kämpfen, der sich weigerte, ihm den nötigen Respekt zu erweisen.
Anlässlich dieses Ereignisses – von ihm selbst großspurig als „Kampf des Jahrhunderts“ bezeichnet – gewährte Horfax vor einigen Tagen ausgewählten Journalisten eine Presseaudienz in seinem Herrscherpalast.
Einem unserer Reporter gelang es, sich unbemerkt in diese Propaganda-Veranstaltung zu schleichen.
Hier ist sein Bericht.

Meine Begegnung mit dem Despoten beginnt damit, dass sie sich verzögert. Ihre Majestät lässt uns warten, und zwar geschlagene zwei Stunden.
Es heißt, der König sei in einer wichtigen Besprechung.
Nach dem fröhlichen Kichern und Quieken zu urteilen, das aus dem Thronsaal kommt, muss es sich um eine ziemlich vergnügliche Angelegenheit handeln.
Geduldig warten wir. Ein falsches Wort, ein abweichlerischer Gesichtsausdruck kann einem in Arkzul bereits Kerkerhaft oder Schlimmeres einbringen.
Verstohlen studiere ich die versteinerten Mienen der anderen Pressevertreter. Bin ich der einzige Andersdenkende?
Der Kobold neben mir redet unablässig auf mich ein. Er schreibt für den Grymmensteinschen Beobachter, das offizielle Amtsblatt der Regierung. Ich nicke mechanisch zu seinen patriotischen Phrasen. Nur nicht auffallen!
Endlich öffnen sich die Torflügel des Thronsaals, und wir werden eingelassen.
Gleich die erste Überraschung: Horfax, der Dritte von Grymmenstein, empfängt uns nicht auf dem Thron, sondern davor – in einer goldenen Badewanne. Ganz ungeniert lässt er seine nackte Leibesfülle von einigen glucksenden Dienerinnen schrubben.
Eine Geste demokratischer Herablassung, oder doch eher Anzeichen totaler Dekadenz?
Für mich ganz klar letzteres.
Der linientreue Patriot vom Grymmensteinschen Beobachter eröffnet das Interview mit der ersten „Frage“.

FRAGE. Eure großmächtige, herrliche, unfassbare, allesüberstrahlende Majestät! Lasst mich zunächst…
HORFAX hebt die Hand. Du hast göttlich vergessen.
FRAGE. Oh. Ja. Wie konnte mir das nur passieren … (lacht unsicher, blickt sich nervös um). Verzeiht bitte vielmals, Eure göttliche Majestät, ich wollte keineswegs respektlos …
HORFAX. Du scheinst ein etwas schwaches Gedächtnis zu haben. Sicher wird ein Aufenthalt in der Spinnengrube deinem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge helfen. Wachen! Führt ihn ab!

Sofort treten zwei bullige Palastwachen vor, packen den unglücklichen Reporter und zerren ihn aus dem Saal. Seine flehentlichen Schreie sind eine unmissverständliche Warnung vor dem, was einem an diesem Ort blüht, wenn man auch nur den kleinsten Fehler begeht.
Spontan beschließe ich, meine Frage zum Thema Pressefreiheit vielleicht doch lieber nicht zu stellen.
Das Interview wendet sich politischen Themen zu.

FRAGE. Eure göttliche Majestät. Lasst mich zunächst feststellen, dass Ihr wirklich großartig ausseht. Wie schafft Ihr es nur, euch neben Euren Amtsgeschäften auch körperlich so in Form zu halten?
HORFAX klatscht eine der Dienerinnen mit der flachen Hand auf den Po. Regelmäßige Leibesertüchtigung!

Ich stimme in das gehorsame Gelächter ein.
Dergleichen bezeichnet man in Arkzul als kritischen Journalismus.

FRAGE. Wie erklärt Ihr Eure beispiellosen, unvergleichlichen, phänomenalen politischen und militärischen Erfolge?
HORFAX. Ich bin eben ein Genie.
FRAGE. Und Eure kolossale Beliebtheit beim Volk?
HORFAX fischt einen frittierten Tausendfüßler, der ihm entglitten war, aus dem Badewasser und verschlingt ihn schmatzend. Jemanden wie mich muss man einfach lieben.
FRAGE. Wann habt Ihr zum ersten Mal gemerkt, dass Ihr ein Gott seid?
HORFAX. Das war genau hier, in dieser Wanne. Ich dachte darüber nach, wie großartig ich doch bin. Und dann wurde es mir schlagartig klar: Niemand ist großartiger als ich. Ich bin so großartig, dass unmöglich jemand noch großartiger sein kann als ich. Und daraus geht glasklar hervor, dass ich ein Gott bin. Nicht irgendein Gott, sondern der großartigste von allen.
FRAGE. Dass Ihr den Ketzer mit göttlicher Macht zerschmettern werdet, daran kann kein Zweifel bestehen. Wie genau gedenkt Ihr, das Gottesurteil an ihm zu vollstrecken?

Damit sind wir beim eigentlichen Anlass der Presseaudienz.
Der Ketzer ist jener unbeugsame Schmied namens Dorgol, der sich geweigert hatte, die Göttlichkeit des Königs anzuerkennen.
Anstatt den Gotteslästerer einfach hinrichten zu lassen, wählte Horfax eine ungewöhnliche Bestrafung: Er selbst würde das Urteil vollstrecken, in einem Kampf Kobold gegen Kobold im großen Kolosseum von Arkzul.  
Gegenwärtig wird dieses Ereignis protzig von jeder Häuserwand in der Hauptstadt als Kampf des Jahrhunderts angekündigt.

HORFAX ballt die Hand zur Faust. Es wird keine Gnade geben.

Der König hat sich inzwischen von den Dienerinnen abrubbeln lassen und ist in einen Bademantel geschlüpft, der sich über seiner beachtlichen Wampe spannt.
Angesichts seiner plumpen, aufgeschwemmten Figur traut man ihm schwerlich kämpferische Fähigkeiten zu.
Doch den Grymmensteins wird seit jeher nachgesagt, sich die Gunst der Glücksgöttin mit nicht immer ganz lauteren Methoden zu erwerben.
Und so stehen die Quoten bei den Buchmachern derzeit 1000:1 gegen Dorgol, den Schmied.

HORFAX. Der Ketzer hat den größten Frevel begangen, als er mich infrage stellte, und er wird auch die höchste Strafe erleiden. Ich werde ihn mit göttlicher Gewalt zermalmen, so wie ich diese Schabe unter meiner Sandale zermalme.

Grymmenstein zeigt auf ein großes Insekt, das über den Palastboden kriecht und hebt den Fuß, um seine Ankündigung in die Tat umzusetzen.
Das Unerhörte geschieht: Die Schabe weicht dem Tritt aus.
Das Gesicht des Tyrannen verfärbt sich.

HORFAX. Ich sagte: Ich werde ihn zermalmen!

Ein zweiter Tritt. Ebenfalls daneben.

HORFAX. Willst du wohl stillhalten, du verdammtes Ungeziefer!

Mit dem Furor des geborenen Wüterichs stampft der Herrscher von Arkzul auf dem Boden herum, wovon sich die Schabe jedoch wenig beeindrucken lässt.
Unversehrt verschwindet sie in einem Spalt in der Wand.

HORFAX. Elende Brut! Wo ist der Königliche Kammerjäger! Ich lasse ihn in die Spinnengrube werfen! Und was macht ihr Gesindel überhaupt noch hier? Die Audienz ist vorbei! Ein Wort über diesen Vorfall, und ich lasse euch aufknüpfen! Und zwar alle!

Es sieht ganz danach aus, als hätte der Herrscher von Arkzul wieder einmal einen seiner berüchtigten Wutanfälle.
Hastig drängen wir aus dem Thronsaal, bevor die Idee mit dem Aufknüpfen allzu konkrete Gestalt annehmen kann.
Auch nachdem die Wachen die schweren Torflügel geschlossen haben, ist das Keifen des Herrschers noch zu hören, darein mischt sich das Klappern von Geschirr, das zornig gegen Wände geschmissen wird.

Nach der Audienz schlendere ich noch eine Weile gedankenverloren durch die Hauptstadt.
Im Vergleich mit dem Prunk des Herrscherpalastes fällt mir die bittere Armut in den Straßen nun umso stärker auf.
Ich drücke einem bettelnden Straßenkobold-Kind ein paar Münzen in die schmutzige Hand und bereue es schon im nächsten Augenblick, denn nach kurzer Zeit folgt mir bereits ein ganzes Heer von Bettlern. Ein humpelnder, einarmiger Veteran aus dem dritten Unterweltkrieg klagt mir tränenreich sein Leid und weicht auch dann nicht von meiner Seite, als ich ihm zum dritten Mal eine Kleinigkeit für eine warme Suppe spendiere.
Endlich gelingt es mir, sie abzuschütteln.
An einer Garküche halte ich an und bestelle mir eine Portion Zarschuli, eine feurig scharfe Schattenkobold-Spezialität, deren genaue Zusammensetzung zu kennen mir wahrscheinlich nachhaltig den Appetit verderben würde.
Während ich die ebenso fettige wie gut gewürzte Speise verzehre, scheint es mir, als läge ein Hauch von Veränderung in der Luft.
Vielleicht war das, was sich eben im Thronsaal ereignet hat, ja ein Omen dafür, dass nicht immer alles nach dem Willen des Tyrannen gehen wird.
Und wer weiß: Vielleicht beginnt es bereits mit dem unbeugsamen Schmied Dorgol, der sein eigenes Leben geringer zu achten scheint als die Liebe zur Freiheit.
Möglicherweise werden wir schon in einigen Wochen Genaueres darüber wissen, denn dann findet er statt:
Der Kampf des Jahrhunderts.
Wir werden darüber berichten.

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