Buchblog: Am Dienstag, 26. Februar 2013

Interview mit Claude Izner

Über Paris, eine Autorengeburt und ein Leben mit Büchern


Autoren-Interview zu Claude Izners»Madame ist leider verschieden«.


Warum schreiben Sie die Kriminalromane um den Buchhändler Victor Legris unter Pseudonym?


Claude Izner: Nachdem wir ungefähr zwanzig Romane – in erster Linie Jugendbücher – veröffentlicht hatten, die unter unseren echten Namen  Laurence Lefèvre und Liliane Korb erschienen sind, fassten wir den Entschluss, unter Pseudonym weiterzuschreiben. Wir wollten unser Glück mit einer neuen Identität versuchen, die jede von uns einzeln repräsentieren sollte und zugleich auch die Schriftstellerpersönlichkeit, die wir gemeinsam darstellen.


»Claude« ist Lilianes zweiter Vorname, und er enthält die erste Silbe meines Vornamens »Laurence«. »Izner« ist der Mädchenname unserer Mutter.


Wie schreibt man zu zweit ein Buch?


Claude Izner: Dafür gibt es kein Patentrezept. Voraussetzung ist auf jeden Fall, dass wir uns aufeinander verlassen können und uns gut darüber verständigen, was wir wirklich schreiben wollen. Sehr wichtig ist auch der gemeinsame Humor. Wir reden viel miteinander und sehen uns sehr oft.


Dabei machen wir erste Entwürfe für ein Buch und legen die Haupthandlungsstränge der Geschichte an. Eine von uns beiden fängt dann an zu schreiben. Wenn zwei oder drei Kapitel fertig sind, liest die andere den vorhandenen Text, schreibt dann ihre eigenen Texte dazu, überarbeitet den Stil, lockert den Text auf und ordnet manchmal auch einige Textpassagen anders an. Von Anfang bis Ende jedes Romanprojekts besteht also eine ständige und intensive Zusammenarbeit zwischen uns beiden.


Warum haben Sie die Handlung Ihrer Romane in Paris und Ende des XIX. Jahrhunderts angesiedelt?


Claude Izner: Wir sind in Paris geboren und haben immer hier gelebt und gearbeitet. Liliane war zunächst leitende Cutterin beim Film und dann Bouquinistin, was auch mein Beruf ist. Das Paris jener Zeit fasziniert uns. Wir lieben die Kunst und die Literatur dieser Epoche am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.


Daher lassen wir uns auch von Filmen wie Renoirs FrenchCancan, Hustons Moulin Rouge oder René Cléments Gervaise beeinflussen. Ende des neunzehnten Jahrhunderts fand ein bedeutender Zeitenwandel statt. Die Mode und das Erscheinungsbild waren noch in der Vergangenheit verhaftet – die Ausdrucksformen und neuen Erfindungen zeigten schon in die Moderne. Die sozialen Bewegungen, die das zwanzigste Jahrhundert prägen würden, nahmen allmählich konkrete Formen an. Das waren aufregende Zeiten!


Sie haben einen Buchhändler und Buchliebhaber als Protagonisten gewählt. Warum haben Sie ihm einen japanischen Kompagnon an die Seite gestellt?


Claude Izner: Kenji steht wohl für die Liebe zum Geheimnisvollen und die Lust am Reisen, die in uns stecken. Er symbolisiert auch den Kosmopolitismus, den man in Paris bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts spürte.


Vielleicht hat auch eine Rolle gespielt, dass mein ältester Sohn mit einer Japanerin namens Kumiko verheiratet ist. Im Hinblick auf Victor, den Buchhändler, kann ich nur sagen, dass er für uns wie ein Familienmitglied ist, vielleicht, weil er den gleichen Beruf ausübt wie wir.


Welche Bedeutung hat die Literatur für Sie?


Claude Izner: Die Literatur? Diese Art, kreativ tätig zu sein, liegt uns einfach am besten, auch wenn Liliane sehr gern in der Filmbranche gearbeitet hat. Literatur entführt in andere Welten, regt zum Träumen an und ist eine wunderbare Form der Unterhaltung – bietet aber auch Gelegenheit zu Reflexion und Erkenntnisgewinn.


Die Sprache eröffnet unendliche Möglichkeiten, Lesen ist ein echtes Glückserlebnis, und das Schreiben ist für uns die logische Folge dieses Vergnügens... aber natürlich bedeutet Schreiben auch Arbeit und erfordert ein strenges, konzentriertes Vorgehen.


Welche deutschen Autoren beeindrucken Sie?


Claude Izner: Da denke ich wie selbstverständlich zuerst an Thomas Mann. Als ich zwanzig war, habe ich seinen Roman "Der Zauberberg" gelesen und vor fünf Jahren ein zweites Mal. Auch wenn ich mich nicht gern mit Krankheiten beschäftige, fasziniert mich dieser Roman. Genauso wie "Die Buddenbrooks", die Erzählung "Der Tod in Venedig", "Der Erwählte", "Joseph und seine Brüder" und "Doctor Faustus": Goethes Faust ist großartig, ebenso wie die Erzählungen von E.T.A. Hoffmann und "Narziss und Goldmund" von Hermann Hesse.


Unsere filmischen Vorlieben sind da schon etwas aktueller! In letzter Zeit haben uns folgende Filme besonders gut gefallen:Comedian Harmonists, Good-Bye Lenin und Das Leben der Anderen.


Was in Ihren Büchern könnte für deutsche Leser Ihrer Meinung nach besonders interessant sein?


Claude Izner: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es für die deutschen Leser interessant ist, die Stadt Paris zu der Zeit kennenzulernen, als die nachdem Krieg von 1870/71 entstandene revanchistische Stimmung herrschte, die schon ein Vorbote des Ersten Weltkriegs war.


Wenn man an die unterhaltsame Seite des Romansdenkt, so werden die Leser, denke ich, sicherlich Spaß daran haben, mit den Hauptfigurendas Paris der großen Varietés und Cabarets zu entdecken, wie es sie in Berlin zu der Zeit ja auch gab.

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