Buchblog: Am Montag, 09. Dezember 2013 von Piper Verlag

Eine Zusammenfassung zu »Karl der Große«

Lesen Sie hier eine Zusammenfassung zum Leben und Wirken Karl des Großen. Welche Dinge sind in der heutigen Zeit noch vom mächtigsten Kaiser des Mittelalters geblieben? Ein Überblick von Mittelalterhistoriker Stefan Weinfurter:

Was ist geblieben von der Eindeutigkeits-Offensive Karls des Großen? Manche seiner Maßnahmen zur Vereinheitlichung sind für diese Frage nicht von Belang. Dazu gehört, dass Karl den Monaten einheitliche Namen gab, wie von Einhart (cap. 29 ) berichtet wird. Der Januar sollte Wintarmanoth heißen, der Februar Hornung, der März Lentzinmanoth, der April Ostarmanoth,der Mai Winnemanoth, der Juni Brachmanoth, der Juli Hewimanoth,der August Aranmanoth, der September Witumanoth, derOktober Windumemanoth, der November Herbistmanoth undder Dezember Heilagmanoth. Auch die Winde soll er mit einheitlichen Namen versehen haben. Von der Vereinheitlichung der Maße und Gewichte war schon die Rede ( ›Admonitio generalis‹ ). Auch die Gesetze der Völker habe er angleichen wollen, ein Unterfangen, mit dem er aber wenig Erfolg hatte. Alle diese Maßnahmen und noch andere mehr sind für die Frage nach der Nachhaltigkeit unerheblich.

Es gibt aber zwei Aspekte,die für die Zukunft eine ganz zentrale Rolle spielen sollten. Dies betrifft zum Ersten die neue Rolle der Wahrheit. Die Wahrheit im Verständnis der Zeit Karls des Großen ging von Gott aus. Sie war zwar nicht identisch mit ›Eindeutigkeit‹, aber sie verlangte nach eindeutiger Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen rechtem Handeln und falschen Entscheidungen, zwischen Gerechtigkeit und Unrecht, zwischen gottgefälliger Lebensweise und Vernichtung der Seele. Um das Gute und Wahre zu erkennen, waren Wissen und Bildung, Methoden der Erkenntnis, Schulung des Geistes und zuverlässige Grundlagen der Überlieferung und der Texte erforderlich. Nur auf diese Weise konnte der Versuch unternommen werden, verbindliche und eindeutige Normen für die Lebensordnung des Einzelnen und für die Ordnung des Staatswesens als Ganzes zu schaffen.

Die Folge war ein einzigartiger Wissenstransfer von der Antike ins frühe Mittelalter und der Aufbau von Wissensspeichern in Form von Bibliotheken, war eine bis dahin nicht da gewesene Bildungsoffensive und eine neuartige Führungsrolle der geistigen Elite in weiten Teilen des christlichen Europa. Das Bestreben nach Wahrheit, ihrer Erkenntnis und ihrer Gültigkeit verlangte aber auch die Unterwerfung der Völker unterdas Gesetz der Wahrheit Gottes, also die Christianisierung. Die neue ›Wahrheitsgesellschaft‹ war vollständig auf die Normen und Wahrheiten der Kirche ausgerichtet. Diese waren freilich keineswegs immer eindeutig, so dass Karl der Große und sein Gelehrtenteam immer wieder in kirchliche Glaubensfragen eingreifen mussten.

Der Papst in Rom blieb von den fränkischen Direktiven nicht verschont. So wurde auch hier ein Prozess der Vereindeutigung vorangetrieben. Karl selbst, so war zu sehen, erachtete den Erfolg seiner Bemühungen in seinen letzten Lebensjahren als nicht befriedigend. Er hatte die Kraft der Vielfalt, der regionalen, lokalen und individuellen Ansprüche, Interessen und Traditionen unterschätzt. Seine Ansprüche und Erwartungen waren offenbar zu hoch gewesen, und die Schwäche der menschlichen Natur war bei Karls Untertanen – wie auch sonst in der Geschichte – durch Normen und Regulierungen nicht leicht zu überwinden.

Dennoch kann man nicht von einem Scheitern sprechen. Die weitere Geschichte lehrt uns vielmehr, dass all die geschilderten Ansätze einer Wissens- und Wahrheitsgesellschaft keineswegs untergegangen sind. Sie haben über Jahrhunderte weitergewirkt, haben, wie eingangs erwähnt, im zwölften Jahrhundert die Universitäten hervorgebracht und die Verfeinerung der wissenschaftlichen Methoden angeregt.

Der zweite Bereich, der in einem Resümee zur Epoche Karls des Großen genannt werden soll, ist das Mönchtum. 811 treffen alle Klöster des Reiches verbindlich vorzuschreiben. Diese Anordnung beruhte auf einem längeren Vorlauf. Schon der Missionar Bonifatius und Bischof Willibald von Eichstätt hatten die Benediktregelin das Reich gebracht. Sie galt als die eigentliche römische Regel und war damit als Norm autorisiert. Ihre besondere Bedeutung aber lag darin, dass sie geeignet war, in einzigartiger Weise das Anliegen der Reform Karls und seiner Gelehrten zu bündeln.

Getragen vom Geist der feinen Unterscheidungskraft (discretio) und unter Beachtung der Gerechtigkeit (iustitia) sollte der Abt wie ein Vater jedem Mitglied seiner Gemeinschaft die Grundsätze der Gottes- und der Nächstenliebe vermitteln.

»Seine Befehle und seine Lehren sollen wie Sauerteig göttlicher Gerechtigkeit (divina iustitia) die Herzen der Jünger durchdringen« (Benediktregel cap. 2 ). Diese wiederum sollten den Weisungen das »Ohr ihres Herzens« (aurem cordis) öffnen (Prolog). Hinzu kamen eindeutige Regelungen für die Organisation einer klösterlichen Gemeinschaft. Der aus der Zeit Karls stammende sogenannte St. Galler Klosterplan, der in Wirklichkeit auf der Reichenau entstanden ist, hat die bauliche Gestaltung abzubilden versucht. Den großen Aufschwung erfuhr die Benediktregel dadurch, dass sie um 800 von Benedikt von Aniane in Aquitanien zur Musterregel erhoben wurde.

Der Westgote Witiza, wie Benedikt zuerst hieß, verfügte über eine mächtige Stellung und großen Besitz in der Region Languedoc-Roussillon. Sein Kloster, von dem schon die Rede war, gründete er 782 am Bach Aniane, westlich von Montpellier. Daraus entstand eine riesige Anlage mit tausend und mehr Mönchen, wie es in der Vita Benedikts heißt. Fast alle Klöster Aquitaniens schlossen sich der Regel an. Man kann sagen, dass dieses Kloster zur geistigen und religiösen »Vormacht« im Unterkönigreich Ludwigs von Aquitanien aufstieg.

Benedikt von Aniane wurde zum »Heerführer und Strategen des Gottesreiches«. Strenge Zucht und genaue Regelbefolgung waren gefordert. Die Mönche sollten zum Vorbild für die Menschen werden, mit einer ebenso vorbildlichen und auf Eindeutigkeit ausgerichteten Lebensordnung, die das Seelenheil garantierte. Wissen und Bildung waren dafür erforderlich, um die kirchlichen und klösterlichen Vorschriften zu kennen und verstehen zu können. Es war zwar keineswegs so, als hätten sich nun alle Klöster des karolingischen Reiches diesem Modell angeschlossen, aber der Einfluss, der von dieser Reform ausging, war enorm.

In späteren Jahrhunderten konnte darauf aufgebaut werden. So waren die Klöster im elften und zwölften Jahrhundert die ersten Institutionen, die straffe und überspannende Organisationsformen (Generalkapitel) in Europa entwickelten und klare und eindeutige Rechtsordnungen (Constitutiones) entwarfen. Als Träger der Bildung, des Wissens und der Wissenschaften blieben sie über lange Zeit die Mittelpunkte der geistigen und technischen Innnovationen für die Gesellschaft.

Man sieht in den Klöstern heute sogar die ›Innovationslabore‹ der Moderne. So sehr es vielleicht überraschen mag: Es waren vor allem die Klöster, die das Vermächtnis der Epoche Karls des Großen gehütet und die Impulse der ›Vereindeutigung‹ weitergetragen und fortentwickelt haben.Es wäre nun müßig, darüber zu spekulieren, welchen Anteil an allen diesen Vorgängen Karl der Große persönlich hatte. Es wäre nutzlos, Forschungen darüber anzustellen, bis zu welchem Niveau er mit den Gelehrten mithalten konnte oder wie weit er die Tragweite theologischer Disputationen erfasste.

Dass er in hohem Maße die Prozesse beeinflusste, ja steuerte, steht außer Frage. Seine Kapitularien und Anordnungen zur Organisation seines ›Staates‹ sprechen eine deutliche Sprache. Auch die vielen Hinweise auf seinen außergewöhnlichen Bildungsstand können nicht nur als Fiktion seiner Zeitgenossen abgetan werden. Karl war die anerkannte Autorität im fränkischen Reich. Von den Zeitgenossen wurde er geschätzt und geachtet. Vor allem war er von seiner Persönlichkeit her in der Lage, das Ordnungsmodell des Gottesreichs auf Erden mit seinen »eindeutigen« Normen als neuartiges Herrschaftsprogramm umzusetzen.

In diesem Sinne darf man Karl den Großen als Leitfigur einer besonderen Epoche bezeichnen, die sich der Idee der ›Vereindeutigung‹ verschrieben hatte – und zwar in allen Bereichen politischer, gesellschaftlicher, kultureller und religiöser Ordnung. Ihre Wirkkraft war enorm, auch wenn es scheint, dass wir uns heute mit der Vision der ›Unbestimmtheit‹ von ihr gelöst haben.

Kommentare zu diesem Blog
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Detlef Stapf am 04.01.2014

Stefan Weinfurter Karl der Große DER HEILIGE BARBAR ist eine Literaturempfehlung in der Tour Karl der Große in Aachen unter http://kulturreise-ideen.de/geschichte/deutsche-geschichte/Tour-karl-der-grosse-in-aachen.html

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