Buchblog: Am Dienstag, 19. August 2014 von Piper Verlag

Das THEO Magazin über Jörg Steinleitner

Der Schriftsteller Jörg Steinleitner hat sich gesucht und gefunden und ist angekommen: Bei den Katholiken und ihren Bräuchen in einem 300-Seelen-Dorf an der Zugspitze

Mit freundlicher Genehmigung von http://www.theo-magazin.de/

SCHREIBKUNST
Das größte Unglück im Leben eines Schriftstellers ist der ausbleibende Erfolg, es gibt nur ein Unglück, das noch größer ist: ein zu früher Erfolg. Jörg Steinleitner (43) hat Glück gehabt, sein Durchbruch gelang erst, als er schon einige Jahre geübt hatte und sich neben seiner journalistischen Arbeit auf ein spezielles Genre besann: In seinen vor allem in Bayern beliebten Alpenkrimis verbeißt die alleinerziehende Kriminalkommissarin Anne Loop sich in schwierige Fälle vor grandioser Kulisse.
Nach Tegernseer Seilschaften (2010), Aufgedirndelt (2012), Räuberdatschi (2013) ist die Polizistin auch im aktuellen Krimi Hirschkuss ziemlich unterwegs. Mysteriöse Todesfälle bringen sie um den Schlaf, aber nicht um den Verstand.
Steinleitners Prosa ist leichte Kost, gewürzt mit sprachlichem Können, keinesfalls ist sie trivial: In seinen Texten spielt er gekonnt mit Klischees, die er selbst nicht ganz ernst nimmt. Das kommt besonders gut an in den kabarettartigen Lesungen, die er gemeinsam mit der Schauspielerin Victoria Mayer und dem Musiker Helmut Sinz inszeniert. Steinleitner liest, Mayer spielt die resolute Anne Loop, und Sinz lässt dazu ein Alphorn oder auch mal ein Akkordeon erklingen.
»Ich mache Komödie, will in erster Linie unterhalten, dann suche ich mir als Zweites ein gesellschaftspolitisches Hintergrundthema und lasse es vor einem kleinen bayerischen Welttheater spielen, etwas überzeichnet vielleicht.« So spricht der Autor.
Wie seine schreibenden Kollegen Bernhard Schlink und Ferdinand von Schirach ist auch Jörg Steinleitner Jurist, überhaupt fällt auf, dass unter Dichtern und Schriftstellern die Juristerei sehr prominent auftritt. Von Goethe ist es bekannt, aber wer weiß schon, dass auch Balzac, Grillparzer, Theodor Storm, Gottfried Keller, Jules Verne und Christian Morgenstern Recht studiert hatten? Der Schriftsteller und Richter Herbert Rosendorfer fand in den Achtzigerjahren folgende Antwort auf dieses Phänomen: »Die Jurisprudenz ist diejenige Wissenschaft, deren Gegenstand mit dem Gesetz das Wort, und zwar das lebendige Wort ist. Außer dem Schriftsteller weiß der Jurist am besten, wie wichtig ein Komma sein kann, das, falsch gesetzt, ein Gedicht verunstalten oder eine Gesetzesbestimmung unklar machen kann. Zudem kann die Jurisprudenz eine Eleganz des Denkens hervorbringen, die sie vor allen Wissenschaften auszeichnet und jene anziehen wird, die dabei sind, in Gedanken eine erfundene Welt zu erschaffen, also zu dichten, zu schreiben«.
Diese Erkenntnis wäre Jörg Steinleitner womöglich zu überkandidelt, dazu ist er zu bodenständig, seine ersten jugendlich motivierten Höhenflüge und Phantastereien hat er im Übrigen lange hinter sich. Sein erstes Buch mit dem etwas sperrigen Namen „205.293 Zeichen“ entstand 1998, zusammen mit Matthias Edlinger, es landete, ganz dem Geist der Zeit entsprechend, im Bereich der Popliteratur und damit beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.
»Da haben wir was Zeitgenössisches geschrieben, das war eher so ’ne Schnapsidee, so kam ich zum Schreiben und dachte natürlich: Jetzt beginnt die ganz große Schriftstellerkarriere.«


Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt, das hat ein anderer Schriftsteller gedichtet, dessen frühes berufliches Leben dem des Jörg Steinleitner gar nicht so unähnlich war: Erich Kästner arbeitete in seinen frühen Jahren ebenfalls als Journalist, widmete sich zudem lustvoll dem literarischen Kabarett.
Es kam also erstens anders: »Lange Jahre schrieb ich dann bei kleinen Verlagen,« resümiert Jörg Steinleitner. Er ließ sich als Anwalt in München nieder, schrieb den Krimi Der Fall August Stiller, der sich tatsächlich zugetragen und an dessen Aufklärung er selbst mitgearbeitet hatte.
Inzwischen ist er beruflich beim Piper-Verlag und privat mit Frau und drei Kindern in einem Dorf am Riegsee gelandet, einem Zwergenort mit 300 Einwohnern. Hier fand Steinleitner vor fünf Jahren sein »Bullerbü in Bayern, mit Wiesen, die direkt zum See führen und unverbaubarem Blick auf die Zugspitze.« In einem an das 150 Jahre alten Bauernhaus angrenzenden Gebäude hat er sich eine Schreibstube mit Ofen und Billy-Regalen behaglich eingerichtet – auf dem Schreibtisch wartet die Recherchegrundlage für seine Alpen-Krimis auf ihren Einsatz: das Rechtsmedizinlexikon.
»Da sind schreckliche Bilder drin«, Jörg Steinleitner wendet sich angewidert ab.
Das Landleben ist Jörg Steinleitner nicht fremd, er stammt aus dem Westallgäu, sein Vater war Lehrer; als der Junge vier war, ging die Familie für fünf Jahre nach Paris. Bei der Heimkehr war das Allgäu plötzlich ein anderes geworden – jedenfalls für einen Jungen, der nach Identität sucht: »Ich begann mich zurückzuziehen, las viel, wollte sein wie Kafka.« Er entscheid sich für ein Deutschstudium auf Lehramt, nach dem ersten Examen befielen ihn Zweifel, er bewarb sich um einen Studienplatz für Jura, bekam ihn in Augsburg. In Kaufbeuren, wo damals seine Freundin lebte, jobbte er als Radiomoderator, als Tennistrainer und als Bauarbeiter. Nebenher schrieb er skurrile Kurzgeschichten und Reiseerzählungen. »Ich hatte in meinem Leben zwei Wünsche: der eine, möglichst frei und unabhängig zu arbeiten, der andere, möglichst viel von der Welt zu sehen«.
Draußen fällt schwerer Sommerregen auf das Bullerbü-Land, die Zugspitze hat sich in dichten Nebel verkrochen, Jörg Steinleitner sagt:
»Ich habe schon seit drei oder vier Jahren kein Mandat mehr angenommen, ich war eh ein Feld,Waldund Wiesenanwalt. Die meiste Zeit verbringe ich jetzt mit Schreiben oder der Arbeit an meinen Hörspiel-Lesungen«.
Auch wenn der feuilletonistische Trommelwirbel bislang ausblieb, der Autor ist zufrieden mit dem Erreichten. Neben seinen Büchern macht er Interviews mit Literaten für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und schreibt eine Kolumne bei buchszene.de. Die Leute im Dorf haben ihn und seine Familie aufgenommen, und das ist keine Selbstverständlichkeit auf dem Land: »Bauern, Holzfäller, Jäger, die ihren Beruf mit Ehrlichkeit ausüben. Ich bin froh, hier gelandet zu sein, unter normalen Menschen.«

Hier ist der Sonntag noch Sonntag: man geht in die Kirche, vielleicht danach ins Wirtshaus, aber auf jeden Fall ist es der Tag der Familie.
Hier hat die Zeit selbst unter der Woche keine Eile, für einen Plausch am Gartenzaun unterbricht hier jeder im Dorf seine Arbeit, er sei der Einzige, sagt Steinleitner, der dabei schon mal hektisch auf die Uhr schaue.
Vieles, was Jörg Steinleitner schreibt, ist inspiriert von den Menschen um ihn herum, besonders trifft das zu auf ein Kochbuch, das er 2012 veröffentlichte und auf das er zurecht stolz ist: Heimat auf dem Teller versammelt schöne Bilder und ebensolche Texte zwischen den Buchdeckeln und wird den in der Region erzeugten Lebensmitteln in ihrem ureigenen Sinn gerecht. Zwölf Kapitel Sehnsuchtsthemen: Uralte Nutztierrassen tauchen auf aus dem Nebel des Vergessens, glückliche Schweine, vom Jäger erlegtes Wild, ein gerechter Fleischer, der mal Schäfer war, ein Schmied, der noch schmieden kann, und dazwischen Rezepte von Traditionsgerichten. »Da war ich mit Menschen unterwegs, von denen ich etwas lernen konnte«, sagt Jörg Steinleitner.
Der Autor, so scheint es, ist wie viel Schriftsteller auf der Suche nach dem Ursprünglichen, dem Wahrhaftigen, aber nicht jeder wird darüber gleich selbst zum Imker. Steinleitner schon.

Es war vor fünf Jahren, als er aus dem Münchener Glockenbachviertel hierherkam und feststellen musste, dass das Landleben den Menschen vollständig verändert: »Die Menschen hier sind ruhiger, zufriedener. Ich übe das gerade, es ist eine innere Entscheidung. Frühmorgens hat man das unglaubliche Zugspitzpanorama vor sich, da muss man ganz schön stark sein, um das auszuhalten.« Anfangs habe er Schwierigkeiten gehabt mit dem ›Nur-Natur‹, schließlich sei er ein Menschengucker.
»Aber wann man keine Menschen sieht, guckt man irgendwann in sich hinein, und da kann man ganz schön erschrecken.«
Ein Normaler unter Normalen, oder doch nicht so ganz? Der Kramladen im Dorf jedenfalls verkauft seine Bücher, und das gibt ihm einen Platz in der Dorfgemeinschaft, die Menschen kommen zu ihm, um sein Buch signieren zu lassen oder um seinen Fotokopierer zu nutzen. Im Dorf hilft jeder jedem, und wem die Menschen nicht helfen können, dem hilft Gott: Zweimal jährlich zieht das ganze Dorf betend los; ein Gelübde verlangt, dass die Prozessionen nach Eglfing oder nach nach Murnau zieht, und das seit 200 Jahren.

»Das ist gelebter Glaube, der Gemeinschaft stiftet, und der wird so auch unseren Kindern vermittelt,« sagt Steinleitner. Seinen Freunden, die nach Tibet reisen, um dort den Buddhismus zu finden rät er: »Kommt hierher, am Donnerstag machen wir den Bittgang vor einer majestätischen Kulisse. Dann braucht ihr nicht so weit zu fahren.«
Jörg Steinleitner bekennt sich zum Katholizismus, liebt die »schönen, alten Traditionen« und ist überzeugt, »dass in unserer Kultur und Religion alles vorhanden ist. Man muss bloß die Augen aufmachen.« Letztes Jahr hat er nach 18-jähriger Beziehung seine Freundin, eine Künstlerin, geheiratet – in der Kapelle oben auf dem Hügel: Freunde aus aller Welt kamen zu Besuch, vor allem aber das ganze Dorf: Dass drei Kinder an der Hochzeit der Eltern teilnahmen, hat nicht einmal den Pfarrer gestört, ein junger Mann aus dem Allgäu, der nicht fassen kann, wie viel Glauben er hier in Oberbayern noch vorfindet.

Morgens in der Frühe, bevor er anfängt zu schreiben, bestaunt Jörg Steinleitner das Gebirge hinter dem See. Und weil er Kommödien schreibt und weil nichts schwieriger ist, als die Lustigkeit herbeizuzwingen, muss er sich richtig anstrengen, um seine schrägen, abseitigen Geschichten aufs Papier zu bringen. In der Zukunft will Jörg Steinleitner noch vielseitiger werden, mehr Zeit fürs Schreiben gewinnen, und die Begründung ist ganz einfach: »Weil mir das Schreiben so viel Spaß macht«.

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